Gojira und "Fortitude": Schöpferische Zerstörung

Ein Albumtitel, der kaum gehaltvoller erscheinen könnte. Eine Band, die in der Presselandschaft mit Superlativen überhäuft wird und die für die Verleihung weltbedeutender Preise nominiert war. Und ein Konzept, das viele Selbstverständlichkeiten infrage stellt.
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In den vorab veröffentlichten Interviews gaben sich Gojira sichtlich selbstbewusst - man wolle keine altbewährten Wege beschreiten und habe stets ein intrinsisches Ansinnen, die über lange Jahre erprobten Fähigkeiten bis zur Perfektion weiterzuentwickeln. Stagnation bedeute Langeweile und Unterforderung. Speziell auf lyrischer Ebene werden die bedeutsamen Themenfelder unserer Zeit angesprochen, ohne den Zeigefinger zu erheben oder aber in Lethargie zu verfallen. Das Credo lautet Angriff, ganz im Fahrwasser der ausgesprochenen „Fortitude“.

Mit „Born For One Thing“ möchte es jemand ab der ersten Spielminute wissen. Ein mit mächtigen Arrangements versehener, blitzartiger Angriff, der mit seinem dynamischen Schlagzeugspiel bedrohlich daherkommt. „New Found“ dürfte speziell im Live-Kontext seine Vorzüge entfalten. Eine unnachahmliche Unternehmung, die sich irgendwo zwischen Nu- und Alternative-Metal ihre ganz individuell eingerichtete Nische sucht und in stattlichen 6,5 Minuten Spielzeit nahezu alles richtig macht. „Another World“ orientiert sich an Triviums Werken der jüngeren Vergangenheit. Zeitgemäße metallische Klänge schließen keinerlei stilistische Fremdeinflüsse aus und erschaffen auf diese Weise ein überaus lebendiges Musikstück. „Amazonia“ lebt von seiner außergewöhnlichen Konzeption und einem gelungenen Storytelling. Der Song bildet die inhaltliche Brücke zum übergreifenden Artwork und kann auch rein instrumental auf ganzer Linie überzeugen. Dass hier noch kulturbewusste Zwecke verfolgt werden und fremden Lebensweisen ein nie dagewesener Respekt gezollt wird, verdient Anerkennung.

Der namensgebenede Titeltrack „Fortitude“ ist zwar "nur" ein Interlude, doch verleiht es dermaßen viel Atmosphäre und geht dabei dermaßen butterweich in den nachfolgenden Track „The Chant“ über, dass die Kinnlade vorerst offen stehenbleibt. „The Chant“ nimmt seinerseits diese stimmungsgeladenen Handlungsfäden auf und spinnt sie weiter in Richtung des großen Albumfinales. „Hold On“ lässt aufhorchen. Ein ungewöhnlicher, mit multiplen Gesangsspuren versetzter Kanon schlägt in kanalisierte Härte um. Eine Härte, die auch auf Songs der Marke „Sphinx“ und „Into The Storm“ mühelos aufrecht erhalten wird, fernab jedweder Abgestumpftheit oder Vorhersehbarkeit. „The Trails“ geht letzten Endes ein wenig behäbiger zu Werke und bedient dabei Freunde schwergewichtigen Hard-Rocks.

„Fortitude“ erlangt Wirksamkeit, wenn momentane Realitäten zugunsten von etwas Neuem verbal ins Fadenkreuz genommen werden. Gojira haben tatsächlich eine Menge zu sagen und scheuen sich nicht, dies mit aller musikalischer Vehemenz zu unterstützen. Trotz inzwischen großer Reichweite wirkt hier nichts glattgebügelt oder gar kommerziell. Schöpferische Zerstörung.

Fazit

7.9
Wertung

„Zwar bin ich im Falle von Gojira erst mit dem Vorgängerwerk „Magma“ eingestiegen, doch hat mich dieses seinerzeit unmittelbar in seinen Bann gezogen. Ganz ähnlich verhält es sich bei „Fortitude“. So darf moderner Metal im Jahre 2021 klingen, und so manch altgedienter Held sollte genauer hinschauen.“

Marco Kampe