Gloria sind immer noch „Da“

Das dritte Album des Indie-Pop-Duos trägt den Titel „Da“ und stellt die richtigen Fragen, um richtungsweisend zu sein. Musikalisch liefert es allerdings keine großen Überraschungen.
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Eigentlich wollten Mark Tavassol und Klaas Heufer-Umlauf überhaupt keine Band gründen. Erst nachdem sie einige Jahre privat gemeinsam Musik machten, entschlossen sie sich schließlich 2011 dazu, ihre Zusammenarbeit und unzähligen Ideen in ein erstes Album zu gießen. Zwei Jahre später veröffentlichten sie unter dem Namen Gloria ihr gleichnamiges Debütalbum. Tavassol, der sein Können zuvor als Bassist von Wir sind Helden unter Beweis stellte, und Heufer-Umlauf, zuvor nicht als talentierter Sänger bekannt, hatten sich ihren erfolgreichen Ruf schnell verdient. 2015 folgte das Album „Geister“ und wiederum zwei Jahre später steht die Veröffentlichung vom dritten Studioalbum „Da“ bevor.

Der Titel soll richtungsweisend verstanden werden. Zum einen sind Gloria immer noch da, zum anderen wollen sie als stets wache und neugierige Musiker verstanden werden, die sich selbst und ihre Umwelt so zu sehen vermögen, wie sie sind.

„Immer noch da“ kann diese Botschaft als tragender Song transportieren und handelt davon, tradierte Konventionen, selbst gesetzte Grenzen, Vorurteile und Meinungen, hinterfragen zu müssen, um sie, wenn nötig, auch zu überwinden. Eigenwillige Synthesizer, rhythmisches Klatschen, das zum Mitmachen animiert und Klaas‘ mitreißender Gesang bilden die musikalische Basis und erschaffen eine erhebende Stimmung, die nicht nur zum Mitwippen geeignet ist, sondern absolut tanzbar klingt. Das typische Ohrwurm-Potential ist vorhanden und findet sich ebenfalls im Opener „Der Sturm“ und dem darauffolgenden Titel „Narben“ wieder.

Der Titel „Erste Wahl“ reicht inhaltlich wieder weiter und spricht ein echtes Gesellschaftsproblem an. Der markante Retro-Synthesizer kreiert gemeinsam mit einer melodischen Bassline im Vordergrund ein ungewöhnlich kantiges Stück, das aneckt ohne wehzutun. Die Gitarre tritt als rhythmische Ergänzung in den Hintergrund und lässt lediglich schnelles Zupfen im Staccato-Stil verlauten. Eine unruhige und treibende Stimmung, beinahe lauernd und bedrohlich, wird so erzeugt, wodurch die gesungenen Worte noch Unterstützung erfahren. Die Angst und Wut der sozial und gesellschaftlich Abgehängten macht diese erst zur Zielscheibe von rechtspopulistischen Parolen und Nationalismus. Lügen werden ohne Rücksicht und Mitgefühl für wahr gehalten und verbreitet: „Jemand wird sich freuen, wenn wir das böse Blut verbreiten, denn unsere Lügen sind die erste Wahl.“ Die Bridge bietet flirrende Klänge, leise Bläser und weitere Unterstützung aus der Rhythmusgruppe. Musikalisch breiten Gloria hier eine neue Bandbreite aus und tasten sich an die Genregrenzen des Indie-Pop-Rock heran.

Der Sound des Albums ist im Gesamteindruck jedoch weniger überraschend, da sich die Konzeption der einzelnen Songs doch sehr ähnelt. Als bewährtes Muster hat sich der ruhigere Einstieg mit ausgewählten Stimmen herausgestellt, danach – Spannungsaufbau – Zenit und erhebender Sound als Ausweg aus der Melancholie – Wiederholung des Chorus. Auch bestimmte Hooklines werden am Ende der einzelnen Lieder mehrfach wiederholt, falls der Song langsam ausklingen soll. So aufregend und lebendig die Ideen der verschiedenen Titel zunächst sind, so einfallslos enden sie auch alle.

Weniger einfallslos ist Tavassols Spiel am Bass, der besonders stark in den Vordergrund tritt, sogar melodische Parts übernimmt und mit viel Kreativität zum typischen Gloria-Sound der Songs beiträgt – irgendwo zwischen Melancholie und Aufbruchsstimmung. Der bereits erwähnte Einsatz des Synthesizers im Retrostil verleiht den Songs eine besondere Note und die eigenwilligen Klänge ziehen sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Titel. Durch den ein oder anderen Effekt auf der Gitarre wirkt der Sound so poppiger und aufregender, was Gloria jedoch gar nicht immer nötig haben: Besonders „Nie mehr“ besticht mit seiner reduzierten Darbietungsform und Klarheit. Von einfachen Gitarrenakkorden und ohne große musikalische Effekte getragen, klingt der Song herzzerreißend schön und wunderbar traurig und wirkt dabei so ehrlich und authentisch, wie kaum ein anderer Titel des Albums.

An anderen Stellen werden gezielt Klavier, Streich- und Blasinstrumente eingesetzt, um den Klang zu beflügeln und auszuweiten. Im Opener „Der Sturm“ gelingt Gloria dieser gewinnbringende Einsatz hervorragend, doch der Titel „Süchtig“ wirkt schnell überladen. All die neuen Instrumente versammeln sich in diesem Song und wollen zur melancholisch-traurigen Stimmung beitragen. Das Ergebnis ist eine etwas zu kitschig geratene Ballade, die live performt vielleicht zu Tränen rühren kann, als Albumtitel jedoch musikalisch und sprachlich überfrachtet wird.

Für gewöhnlich sind Gloria für ihre klugen und poetischen Texte bekannt, die ihre Aussagekraft gerade nicht durch klare oder einfache Formulierungen erhalten. Selten konfrontieren sie ihre Hörerinnen und Hörer direkt mit der eigentlichen Botschaft, viel lieber erschaffen Gloria malerische Wortbilder, um Denkprozesse in Gang zu setzen und Reflexionen zu ermöglichen. Es erweist sich allerdings als schmaler Grat, genau die richtige Dosis an Metaphern, Vergleichen und Symbolen in die Lyrics einzuarbeiten. Auch an dieser Stelle besteht die Gefahr des Überstrapazierens und hier und da verlieren sich einzelne Songs in zu kleinen Detail-Malereien. Selbst konzentrierte Hörerinnen und Hörer drohen, den Faden zu verlieren und werden so dazu verleitet, die eigentliche Botschaft des Textes zu überhören.

Fazit

6.3
Wertung

Gloria haben ohne Zweifel eine gute Platte erschaffen. Allerdings gelingt ihnen nicht mehr dieser fesselnde Sound, der einen emotional ergreift und völlig aus der Bahn wirft. Wer von den beiden Vorgängeralben begeistert war, wird auch auf Platte Nummer drei nicht enttäuscht. Wer allerdings eine große Weiterentwicklung erwartet hatte, wird sich sowohl lyrisch als auch musikalisch noch etwas gedulden müssen.

Sarah Ebert
6
Wertung

Ach ja, der Klaas. Ich frage mich immer wieder, warum er deswegen belächelt wird. Gloria vereinen irgendwie schon klischeehafte Emotionsphrasen mit angenehmer Pop-Musik. Das alles ist wiedermal sehr sympathisch, aber musikalisch leider nicht experimentierfreudig genug. 

Ole Lange