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Giant Rooks - New Estate EP

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Mi, 08.02.2017 - 16:24
Das Cover der neuesten Giant Rooks-EP ziert ein abstraktes Wirrwarr aus weißen Linien, die sich durch ein blaues Quadrat ziehen – zumindest scheint es auf den ersten Blick so. Denn um die Menschen und Motive, die sich hinter den Linien verbergen, zu erkennen, benötigt man zweifellos einige Versuche des genauen Hinsehens.

Hat man die versteckten Bilder aber schließlich entdeckt, sind sie unweigerlich für alle Zeiten in das blaue Quadrat eingraviert. Ein Bild, das sich auch musikalisch auf „New Estate“ übertragen lässt. Denn die erste offizielle Veröffentlichung der jungen Art-Pop-Band aus Hamm überzeugt mit ausgeklügelten Details und feinsinnigen Arrangements, die ein mehrmaliges Hören herausfordern.

Beeindruckend ist dabei von der ersten Sekunde an die Stilsicherheit der Band: Die andächtigen Klänge, die sich irgendwo zwischen dem Folk-Pop von Alt-J und melodischem Indie-Rock einordnen lassen, bezirzen mit samtenen Gitarrenklängen und sorgsam konstruierten Soundlandschaften. Dabei sind die Werkzeuge des Quintetts teilweise so subtil eingesetzt, dass man selbst kaum weiß, welcher Kunstgriff hier gerade seine Wirkung erzielt. Ein Beispiel: Der zweite Refrain des Openers und Titeltracks wirkt wie eine dichtere Steigerung des ersten, einfach nur, weil ein extrem leiser Synthesizer unter der Instrumentation liegt. Spielereien wie zwei begleitende Töne eines Glockenspiels, leise verhallende Gitarrenmelodien im Hintergrund oder die zwischenzeitliche Reduktion auf sanfte Schlagzeugbeats mögen auf dem Papier nur wenige Teile eines Songs ausmachen. Diese Feinheiten aber logisch und platziert einzusetzen ist die große Kunst, die die Musik der Giant Rooks so voranträgt. Ein derart ausgereiftes Songwriting in einer Lebensphase, in der noch nicht einmal alle Bandmitglieder mit der Schule fertig sind, ist mehr als bemerkenswert.

Und nicht nur in der nackten Analyse sind die fünf Songs dieser EP eine wahre Freude: Die minimalistischen Werke der Band laden mit ihren herrlich rauschenden Flüssen zum Träumen, Reisen und Nachdenken ein. Eine emotionale Fahrt durch verschiedene Kapitel aus Leidenschaft, Genuss und den beeindruckendsten Zaubereien des Lebens. Die Stimme von Sänger Frederik Rabe trägt die Songs ebenso grandios wie die instrumentalen Gebilde und stellt eine Rafinesse, Sicherheit und Variabilität unter Beweis, die sich viele wesentlich erfahrenere Kollegen wünschen würden.

Mit ihrem ersten Label-Release beweisen die Giant Rooks, dass die Hoffnung auf gute deutsche Popmusik noch lange nicht tot ist. In nur fünf Tracks demostriert die Band, wie unglaublich detailverliebt, raffiniert und facettenreich ihre Musik bereits in diesem frühen Stadium der Bandgeschichte ist. Mit diesen Mitteln kreieren sie eine klanglich gleichermaßen berührende wie faszinierende Scheibe, die eine große Zukunft erwarten lässt.