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Fucked Up und „Dose Your Dreams“: Die Kunst der Überforderung

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Mo, 22.10.2018 - 12:33
Das neue Album von Fucked Up ist ein Werk monumentalen Ausmaßes. Das ist zeitgleich seine größte Stärke, aber auch seine prägnanteste Schwäche.

Wer Punk im Jahr 2018 den Tod attestiert, der ignoriert, dass auch aus Übersee noch immer zahlreiche Acts die Grenzen ihres Genres ausloten und erweitern. Nicht erst seit einem Album wie „Dose Your Dreams“ gehören Fucked Up zu dieser Elite – und doch darf man trotz dessen mannigfaltiger Innovationen Zweifel an der Grundsubstanz des Genres haben. Um dieses Album nämlich spannend zu machen, bedient sich die Band nämlich allerlei Mitteln, die außerhalb des Punk-Spielraums dienen. Das mindert die Qualität der Platte nicht im mindesten, im Gegenteil. Wer sich von „Dose Your Dreams“ allerdings intelligente Spaßgranaten à la Clowns erhofft hatte, der dürfte mit diesem Album nur bedingt glücklich werden.

Denn wenn Fucked Up eine Sache auf ihrem mittlerweile sechsten Album gut machen, dann ist es, sich nicht von Grenzen einengen zu lassen. In „Normal People“ integriert die Band zum Beispiel mal eben ein Jazz-Saxophon, der Titeltrack startet als funky Blues-Nummer und schlingert schließlich geschickt in den Band-typischen Hardcore-Punk, „The One I Want Will Come For Me“ geistert nach 80er-Jahre-Postpunk. Ein klangliches Konzept auf „Dose Your Dream“ zu benennen ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, einfach deswegen, weil der Gedanke hinter dieser Platte ist, möglichst keine klare Sound-Identität aufkommen zu lassen. Die tragende Struktur dieses Album liegt vielmehr in ihrem thematischen Aufbau begründet, denn die sage und schreibe 18 Songs beschreiben jeweils eines der 18 Kapitel von James Joyces „Ulysses“, einem Roman über die alltäglichen Irrfahrten eines Dubliner Journalisten.

Jenes Gefühl der Verwirrung, der Überforderung und der Reizüberflutung transportieren Fucked Up auf „Dose Your Dreams“ perfekt – so perfekt, dass es die Band teilweise selbst ausbremst. Die vielen Haken, die dieses Album immer wieder schlägt, sorgen am Ende schlichtweg dafür, dass es schwerfällt, sich an einzelnen Momenten zu erfreuen, weil der nächste Faustschlag gleich um die Ecke wartet. Manche Songs blenden sogar mit dieser Konzeption: Ein Track ist eben nur dann wirklich gut, wenn er auch für sich genommen herausstechende Merkmale vorzuweisen hat – und nicht nur, weil er im Kontext einer Platte unerwartet um die Ecke geprescht kommt. Dennoch gelingt Fucked Up mit „Dose Your Dreams“ ein über weite Strecken begeisterndes Werk, das Unmengen an Aufmerksamkeit erfordert, am Ende aber dafür auch redlich belohnt. Und wer nach so einer Platte noch die Relevanz in Frage stellt, der sollte sich vor allem fragen, wie Punk zu definieren ist – und ob diese Frage dann überhaupt Punk ist.