In Extremo und "Kompass Zur Sonne": Der Berg Golgota

Metaphorisch aufgeladene Orte hat der Mensch zuhauf produziert. In einem Dschungel aus Mythen und Halbwahrheiten malen sich alle Beteiligten ihr eigenes Bild, ziehen ihre individuellen Schlüsse. Interpretationsspielraum und bildliche Sprache haben auch und besonders einen festen Platz in der (mittelalterlichen) Musikszene.
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Nehmen wir einmal den biblischen Berg Golgota: Die genaue Verortung oder gar die bloße Existenz der Kreuzigungsstätte Jesu ist bis heute umstritten und variierte in seiner Deutung bereits zwischen den vier Evangelien. Ganz zu schweigen von den unzähligen Übersetzungsvariationen der heiligen Schrift selbst. Geht es vielleicht gar nicht um einen Hügel im eigentlichen Sinne? Und welcher der zahlreichen Hügel um Jerusalem erfüllt die benannten Kriterien? Es bleiben viele Fragen ungeklärt, was maßgeblich zum Reiz dieses Ortes beiträgt. An ganz ähnliche, historisch aufgeladene Orte verschleppen uns In Extremo auf „Kompass zur Sonne“.

„Saigon und Bagdad“ etwa ist textlich einer der besten Songs des Septetts und bedient die verloren geglaubte Liebe zur Aufarbeitung der Menschheitsgeschichte. Die Krone der Schöpfung hinterlässt als kulturelles Erbe vielerorts nurmehr „verbranntes Land“. Aus den aufgeführten Kriegsschauplätzen wurden keine nachhaltigen Schlüsse gezogen und so schaut man der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Im weiteren Verlauf des Albums reihen sich zahlreiche weitere Glanzstücke ein, welche teils mit optimistischerer Ausrichtung aufwarten. Das „Lügenpack“ kriegt sein Fett weg und mit ihm das gesamte Spektrum an Reichsbürgern, Verschwörungstheoretikern und ewig Gestrigen. Der Song wird im künftigen Live-Kontext eine tragende Rolle einnehmen, so viel steht fest. Bedeutungsschwanger geht es auch im „Wintermärchen“ zu. Sanftes Vogelzwitschern unterbricht die winterliche Stille und das lyrische Ich führt einen tiefsinnigen Dialog über das Leben selbst. Das Zwiegespräch mit der Drossel nimmt mehr und mehr hymnenhaften Charakter an. Großes Kino. Die Performance von „Wer kann segeln ohne Wind“ gestaltet sich hingegen wesentlicher ambivalenter. Mit Johan Hegg (Amon Amarth) als Gastsänger erwartet man große Melodien verpackt in noch größerer Härte. Doch weit gefehlt - Im Duett mit Michael Rhein versucht man sich an einer sperrig wirkenden Komposition, deren Intention zunächst verborgen bleibt. Das Harfenspiel im C-Part holt den Zuhörer dann letztlich zurück in heimische Gefilde. Ein Song, der mehrere Durchläufe benötigen wird (was bekanntermaßen kein Manko sein muss).

Neben aller Metaphorik darf bei In Extremo der typische Ohrwurm ebenso wenig fehlen. Wem „Frei zu sein“ oder „Nur Ihr Allein“ als altgediente Klassiker in Erinnerung geblieben sind, der wird auch an „Troja“ (Achtung: hochsimples Reimschema) oder dem Titeltrack Gefallen finden. Die auf dem Cover illustrierte Dampflokomotive zieht die Passagiere in Richtung Freiheit und Abenteuer. Treibende Rhythmen, markige Gitarrenspuren und die erstaunlich abwechslungsreichen Dudelsäcke greifen nahtlos ineinander. Gleiches gilt für die darauffolgenden Partytracks. Während das „Narrenschiff“ die Vorzüge des Spielmannsdaseins referenziert, kommt „Reiht euch ein ihr Lumpen“ gut und gerne mit der Rolle des einfach gestrickten Trinkliedes zurecht. Die freibeuterischen Einflüsse von „Mein rasend Herz“ werden auf dem selbst-zelebrierenden „Brüder“ fortgeführt. Störtebeker wäre stolz auf euch, ihr Wasserratten!

„Gogiya“ und „Salva Nos“ halten die traditionellen Wurzeln der Band hoch. Auf ersterem gibt sich Georgij Alexandrowitsch Makazaria (Russkaja) die Ehre und zelebriert den osteuropäischen Kulturraum. Die über lange Zeit erwachsene Sympathie für Russland ist nicht erst seit „Roter Stern“ bekannt, wurde jedoch in der jüngeren Vergangenheit ganz besonders betont. Vielleicht gerade in den heutigen Zeiten ein schönes und wichtiges Statement? „Salva Nos“ hingegen wird speziell Anhänger der fremdsprachigen Verse erfreuen. Kein „back to the roots“, sondern eine geschickt platzierte Verneigung vor der eigenen Vergangenheit. Möchte man abschließend einen konkreten Makel ausfindig machen (gehört doch auch gewissermaßen zum journalistischen Habitus, oder etwa nicht?), fällt maximal der „Biersegen“ aus dem Rahmen. Zugegeben: Es handelt sich um Jammerei auf gewisser Fallhöhe, doch gänzlich ohne Optimierungsvorschläge wäre eine Plattenkritik allenfalls halbgar.

In der Gesamtbetrachtung ist „Kompass zur Sonne“ so stimmig wie lange kein Werk zuvor. Die 2000er Jahre gelten nicht ohne Grund als Blütezeit der Band, welche den Großteil der heutigen Klassiker hervorbrachte. Einige Jahre später scheinen In Extremo zu alter Stärke zurückgefunden zu haben, was in den sozialen Netzwerken/Fankreisen auch sichtbar honoriert wird. Hoffentlich werden Sie uns noch zu vielen weiteren, mystischen Orten entführen.

Fazit

8.4
Wertung

Alter, neuer Wein in runderneuerten Schläuchen. Mit „Quid Pro Quo“ konnten viele Fans gut leben, der Kompass zur Sonne dürften sämtliche Zweifel ob der noch immer bestehenden (Szene-)Relevanz der Band ausräumen. Auf diesem Niveau freut man sich doch glatt auf das nächste Album.

Marco Kampe
8
Wertung

Das Wichtigste vorweg: Wer In Extremo bereits liebt, bekommt keinen Grund das zu ändern. Mittelalterliche Instrumente und knüppelharte Riffs (die letzten Takte von „Gogiya mit Russkaja“ sind ein formidables Beispiel) passen im Hause In Extremo auch nach 25 Jahren noch zusammen wie der altbekannte Arsch auf den Eimer. So dürfte es auch für mich ewig weitergehen!

Mark Schneider