Eskalation und „Hunger“: Tanzender Protest

Vor zwei Jahren haben sich Eskalation mit „360°“ in unsere Top-Alben des Jahres eingereiht. Besonders ihre politischen Songs wussten voll zu begeistern. Da war die Mission fürs neue Album eigentlich klar. Oder?
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Wenn du willst, dass es gut gemacht wird, dann mach es selbst. Diese Binsenweisheit machten sich Eskalation zu eigen und gründeten kurzerhand ihr eigenes Label. Bei „Schall und Rauch“ findet man nun nicht nur Eskalation, sondern seit kurzem auch Xirow, die sich ebenfalls vor kurzem mit neuem Material zurückgemeldet hatten. Doch dazu mal an anderer Stelle mehr. Eskalation bestachen bislang durch ihren unglaublich erfrischenden und beschwingten Musikstil, welcher aus jedem einen Tänzer machte. Daran hat sich nicht viel geändert.

Und doch ist nicht alles wie damals. Sänger Franky bemüht sich um deutlich mehr Melodie in seinem Gesang. Das klingt an mancher Stelle ein wenig überzogen, kommt aber in Songs wie „Jacuzzi“ besonders gut. Womit man auch schon bei der Textarbeit von „Hunger“ ist. Das Album ist überraschend politisch geprägt und bedient sich immer wieder einer Stilistik. Es werden Personen kreiert, die von oben auf Probleme schauen. So auch in „Jacuzzi“ – daher passt dieser etwas überkandidelte Gesang von Franky in die ganze Szenerie. Der Song transportiert die widerlich oberflächliche Ignoranz der Besserverdiener, die sich mit den Problemen dieser Welt nicht auseinandersetzen müssen, weil sie einfach nicht wollen und das Geld haben, sich davon zu abzugrenzen.

„Iss auf!“ schafft es echte Betroffenheit zu provozieren, da es hervorragend beschreibt, in was für einer bekloppten Zeit wir leben. „Das sind Probleme für die guten Zeiten“, trifft es da ziemlich ideal. Die musikalische Richtung bewegt sich wie schon bei „360°“ irgendwo zwischen Pop, Ska, Punk und Electro. Bemerkenswert sind die Ausreißer auf „Hunger“, die wie „Klick“ mit einer unerwarteten Härte daherkommen. Auch der Schluss-Track „Satt“ macht besonders positiv auf sich aufmerksam. Eskalation streuen hier in hinreißender Art und Weise Saxophonparts. Diese geben dem Song eine ganz neue Richtung und bringen eine Ruhe rein, die „Satt“ eigentlich gar nicht hat. Der vielleicht beste Saxophoneinsatz seit dem Solo in Kora Winters „Bluten“. Aber die große Überraschung ist die Eskalation am Ende von „Satt“, denn so hat man Franky gewiss noch nicht schreien gehört. Ein absolutes Highlight auf der Platte.

Jedoch hat dieser Stil, der immer wieder an Kraftklub erinnert, auch einen Nachteil. Die beschwingte Stimmung, dieser schnelle Rhythmus, der unglaublich catchy ist und wie eine Tanzeinladung daherkommt, eben jener Stil nimmt viel Schärfe aus eigentlich brisanten Texten. Dieser Herausforderung stellen sich Eskalation und sie meistern sie wieder sehr gut. Denn auch wenn man meinen könnte, dass die Band es mit ihrem Musikstil kaschiert, zeigen Eskalation mit der Limbostange auf die Probleme und legen eben diese in die Wunde. Kongenial und mustergültiges Beispiel ist da einfach „Jacuzzi“. Denn es weckt genau die Gefühle, die es regen soll. Von leichtem Zuwider-sein über Ekel bis hin zu bloßer Abscheu.

Fazit

7.8
Wertung

„Hunger“ ist ein ziemlich wichtiges Werk, denn die Art und Weise, in der es unbequeme und unschöne Themen aufnimmt und verarbeitet, findet man zu selten. Selten hat Resignation so viel Spaß gemacht!

Moritz Zelkowicz