Drangsal und "Exit Strategy" - Stern im Frittenfett

Gab es je einen geeigneteren Moment, um den Sargnagel in die Genre-Schubladen zu schlagen? Die kleinen, musikalische Orientierung stiftenden Richtungsweiser im örtlichen Elektromarkt in Flammen aufgehen zu lassen? Wohl nicht, denn im Angesicht von „Exit Strategy“ vollzieht sich eine emotionale Berg- und Talfahrt.
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Als Berg- und Talfahrt darf man auch Drangsals bisherige Rezeption im AdW-Kosmos verstehen. Zwischen phrenetischer Huldigung und mindestens ebenso großer Verwirrung (Rezension zu „Zores“ irgendjemand?) schafft es dieser Künstler, die Schreibfedern der Republik nicht stellstehen zu lassen. Belanglos geht sichtlich anders und frequentierte Erwähnung kann vielleicht auch beflügeln. Aller guten Dinge sind es Drei, doch gilt dies auch für das dritte Studiowerk „Exit Strategy“?

Nun, zu Beginn scheint diese einfache Grundformel mühelos aufzugehen. „Escape Fantasy“ ist weder das Intro eines Animes, noch ein 2000er-Deutschpop-Verschnitt. Nein, es handelt sich um einen lyrisch vertrackten, verdächtig eingängigen Smasher der Güteklasse eines Farin Urlaub. Das darauffolgende „Exit Strategy“ verortet sich irgendwo zwischen Billy Talents unvergleichlichem Gitarrenspiel und den Synthies auf „Calling“ (Donots). Max Gruber entwickelt einen Kosmos, den man auch mit dem dritten Hördurchlauf nur unzureichend erfassen kann. Auf diese Weise dürfte es dann gerne weitergehen, die Wahl des kommenden AdW-Awards fiele bestechend leicht. Doch Drangsal steuert weitere Perspektiven bei, die teils nur mit massig gutem Willen erträglich sind.

Sollten sich Freunde der Neuen Deutschen Welle bislang unterrepräsentiert fühlen, ist mit „Schnuckel“ ihr Moment schlussendlich gekommen. Der Stern über Bethlehem erlischt und fällt in ein Meer voll abgestandenem Frittenfett. Herrgott, bitte streiche diesen Song mitsamt seiner (durchaus gelungenen) Bläsereinlagen vom Rest der hübsch gestalteten Vinyl-Ausgabe. „Liedrian“ zieht den entgleisten Wagon weiter in Richtung der Schlagerparade, auch wenn man sich der dargebotenen Leichtfüßigkeit nur schwer entziehen kann. Im Angesicht dieser Tiefflieger sind allenfalls platzfüllende Songs wie „Benzoe“ oder „Ich bin nicht so schön wie Du“ Balsam für die geschundene Seele. Ob speziell bei letzterem Song ein tieferer Kern vermittelt werden soll, hat sich bis zur Abgabe dieses Textes nicht erschlossen. Es darf gemutmaßt werden.

Blicken wir noch einmal auf die schimmernden Seiten von „Exit Strategy“, so drängt sich „Urlaub von mir“ streberhaft auf. Selbstzweiflerisch, anklagend und allzeit reflektiert. Ein famoser Vertreter der hellen Seite der Macht. Auch „Ein Lied geht nie kaputt“ kann an das erste Drittel der Platte anknüpfen. „Mädchen sind die schönsten Jungs“ ist ein grotesker Songtitel, der nicht nur Clickbaiting auf dem Rücken omnipräsenter Genderdebatten betreibt, sondern auch und besonders mit allerlei Stereotypen aufräumt und ebenjene bis aufs Äußerste parodiert. Wahrlich wunderbar.

Konnte man die anhaltende Verwirrung ob dieser Platte auch nur ansatzweise herauslesen, so hat die vorliegende Review ihr Ziel erreicht. Und weil Wertungen nicht gewürfelt werden sollten, was hier durchaus angebracht wäre, einigen wir uns auf eine versöhnliche Gesamtnote von 6,0.

Fazit

6
Wertung

Im Teaser-Text des August 2021 stellte Jakob die kühne These in den Raum, ich könne möglicherweise die tieferen Botschaften des Drangsal entschlüsseln. Tja, in dieser heiklen Angelegenheit bleibt es bis auf Weiteres bei „mission incomplete“. Trotz aller guten Ansätze, trotz des spannenden Artworks, trotz des massiven Titeltracks.

Marco Kampe