Dirty Projectors und “5EPs”: Die Verneigung vor sich selbst

Mit ihrer neuen EP-Serie widmen die Indie-Pioniere Dirty Projectors um Sänger und Instrumentalist David Longstreth jedem der Bandmitglieder einige Songs. Das mündet keineswegs in Selbstbeweihräucherung, sondern verneigt sich ehrfürchtig vor dem Können der einzelnen Musiker*innen und zeigt zugleich einen roten Faden, der sich aus der Zusammenarbeit ebendieser unweigerlich hervortut.
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Da die “5EPs” eben genau das sind, nämlich fünf mehr oder weniger eigenständige Werke, die Dirty Projectors in einer Anthologie vereinen, sind übliche Maßstäbe, die man normalerweise an ein Album anlegen würde, hier weniger angebracht. Letztendlich lohnt es sich, die EPs einzeln zu betrachten, bevor man sie in das große Ganze einordnet.

“Windows Open” — Maia und Melancholie

Die erste der “5EPs” mit dem Titel “Windows Open” erschien bereits im März 2020. “Windows Open” stellt Maia Friedman in das Spotlight, die die Vocals für die vier Songs der EP beisteuert. Begleitet von warmen Bass-Klängen, feinfühligen Percussions und beinahe brüchig klingenden Gitarrenarrangements bietet die minimale Instrumentierung Friedmanns Stimme maximalen Raum zur Entfaltung. Friedmans gefühlvolle und tagträumerische Stimme, kombiniert mit den seicht plätschernden Instrumentals und den Lyrics über Eukalyptusbäume und spielenden Kindern verleihen dem Opener “On The Breeze” das Gefühl eines verschlafenen Frühlingstages, den man verdöst und alle Verpflichtungen ignorierend in der Hängematte verbringt. Diese leichtfüßige Ästhetik zieht sich auch durch die anderen Songs, allerdings kommt beispielsweise “Overlord” etwas belebter daher. Die folkige Atmosphäre der Tracks wird gelegentlich durch aufmüpfige Streicher ergänzt, die sich in Friedmanns Atempausen in den Vordergrund spielen. Textliches Highlight auf “Open Windows” ist “Guarding The Baby”, ein resignierter Blick auf die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber ihrer Probleme aus der Sicht einer jungen Generation, deren Rufe nach Veränderung auf taube Ohren stoßen.

“Flight Tower” — Felicia und Veränderung

Die gesanglich von Felicia Douglass getragene EP kommt wesentlich experimentierfreudiger daher als der Vorgänger. Douglass’ soulige Stimme windet sich durch ein Klanggefüge, das zwar den Kern aus klimpernder Akustikgitarre beibehält, darüber hinaus aber mit Drum-Computern, merkwürdiger Percussion und lebhaften Keys und einem gesampelten Hund (ja, tatsächlich) auftrumpft. Die größte Stärke von “Flight Tower” ist seine extravagante Produktion, die keinen musikalischen Baustein auf dem Anderen lässt. Die Anzahl der verschiedenen Instrumente und Klangkomponenten übersteigt die von “Open Windows” um ein Vielfaches und lässt kaum Verschnaufpausen. Auch vor Douglass’s Stimme macht Produzent Longstreth keinen Halt, so wird sie auf den vier Tracks ein ums andere Mal wild nach oben und unten gepitcht, mit einem Delay- oder Vocalizer-Effekt verfremdet, oder zerschnitten, geloopt und wieder als Instrument benutzt.

“Super João” — Dave und die Rückkehr zum Altbekannten

Auf Teil drei der “5EPs” gibt sich nun Dirty-Projectors-Mastermind Dave Longstreth höchstpersönlich die Ehre. “Super João” lebt von Longstreth’s sachtem Gesang, der die Gangart der Songs vorgibt. Die Instrumentierung geht hier zurück zum Minimalismus von “Windows Open”, einzig Longstreth’s Gitarre und gelegentliche Klavier- und Basseinlangen unterfüttern die Vocals. Die wiederum übernehmen die komplette melodische Führung der Songs, alles ist auf den Gesang abgestimmt, folgt ihm, komplettiert ihn. Die deutlich reduzierte Inszenierung auf “Super João” löst nach der ausgeflippten Produktion von “Flight Tower” nahezu unweigerlich ein Gefühl der Unruhe aus und man braucht ein wenig, bis man sich mit der ruhigen Gangart der Songs wieder zurecht findet.

“Earth Crisis” — Kristin und die Krise

Nach “Super João” folgt die nächste Überraschung auf dem Fuße. Warme Bläser und dumpfe Bass-Synthesizer begrüßen die Hörer*innen auf “Eyes On the Road”, bevor die glasklare Stimme von Kristin Slipp das Wort ergreift. Longstreth hat seine Experimentierfreude auf “Flight Tower” offensichtlich noch nicht ganz ausgelebt. “Earth Crisis” besteht zu großen Teilen aus altem Material, das er auf einer Festplatte fand, auseinanderfriemelte und wieder zusammenbastelte. Die Songs sind geprägt von kreisenden Loops, wabernden Bläsereinlagen und unvorhersehbaren Wendungen. Auch die bereits auf “Flight Tower” prävalenten Tonhöhenverschiebungen feiern ein gern gesehenes Comeback. Gemäß dem Namen schlägt die vierte EP der Anthologie deutlich düstere Töne an als ihre Vorgänger. Das klangliche Highlight “Bird’s Eye” leitet beispielsweise mit sich bedrohlich aufbauenden Holzbläsern ein und geht dann in einen schwindelerregenden Loop über, der einer musikalischen Abwärtsspirale gleicht. Die nachdrücklich gesungenen Worte down, shut it down / shut it down / shut it down machen das Unbehangen perfekt. Die kreisenden Loops finden sich auch im nächsten Song wieder. “Earth Crisis” ist insgesamt die vielleicht stärkste EP der Reihe.

“Ring Road” — Mike und die gute Laune

Auf der fünften und finalen EP übernimmt Mike David Johnson das Mikrofon, und schockt nach den trüben Aussichten auf “Earth Crisis” mit den vier fröhlichsten Songs der gesamten Anthologie. Die abgespeckte Rhythmusabteilung weicht einem energetischen Schlagzeug und Schellenkränzen, die zum ersten Mal Anlass zur Bewegung geben könnten. “Ring Road” verlässt abermals die experimentellen Gefilde und begibt sich zurück auf die bekannten Wege des Indie-Folk-Pop, auf denen sich die Band so Zuhause fühlt. Aber Dirty Projectors wären ja nicht Dirty Projectors, wenn hinten raus nicht doch noch eine Überraschung bereit stünde. Und dann. Plötzlich. E-Gitarren. Verzerrte E-Gitarren. ”No Studying” kommt doch tatsächlich mit etwas, dass man als Riff bezeichnen kann, um die Ecke. Und mit “My Possession” folgt auch schon die nächste 180°-Wende. Der letzte Track der Reihe bewegt sich fast ausschließlich auf elektronischen Gefilden.

Fazit

7
Wertung

Dirty Projectors zeigen mit ihren “5EPs” eine enorme Bandbreite, Experimentierfreude und pure Lust am Musikmachen. Die einzelnen EPs sind in sich geschlossen, lassen aber durch gelegentliche Backing-Vocals und musikalische Querverweise einen roten Faden durchscheinen. Der Spaß am Herumbasteln springt beim Hören sofort über und man freut sich zusammen mit den Musiker*innen über jede neue Idee.

Kai Weingärtner