The Dirty Nil und "Fuck Art": Welcome back, Alltag

Die erste Platte im heiß ersehnten Jahr des Aufbruchs. Eine unsägliche Pandemie findet ihr verspätetes Ende (die Daumen sind allseits gedrückt) und The Dirty Nil scheren sich keineswegs um Vergangenheitsbewältigung. Mit aller Konsequenz wendet man sich teils bedeutungslos erscheinenden Alltagskomplikationen zu - in unverhofft wohltuender Art und Weise.
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Beginnen wir mit einer kurzen Würdigung des Covers, so werden wir von einem glücklich erscheinenden Vierbeiner und einem stahlblauen Sommerhimmel in Empfang genommen. Ganz als wolle man glückselig verkünden: „Willkommen im Jahr 2021“. Die Kandier machen keinen Hehl aus ihrer Rückbesinnung auf den Alltag und so darf man fairerweise auch keine lyrischen Leckerbissen erwarten. Vielmehr werden wir Zeugen von skurrilen Banalitäten und fast vergessen geglaubten Ärgernissen. Jenes Kontextwissen benötigt man, um Songs wie „The Guy Who Stole My Bike“ als ernstgemeinte Songs adäquat einordnen zu können. Nun, da wir den Song mit den maximal notwendigen Anlaufversuchen vorweggenommen haben, können wir uns ungestört den Sonnenseiten auf „Fuck Art“ widmen.

Im Verlaufe der ausbaufähigen 35 Minuten Spielzeit fühlt man sich immer wieder an die Hochzeiten von Größen wie Blink-182 oder The Offspring erinnert. „Jealously“ oder „Possession“ bieten feinsten Pop-Punk, stellenweise versetzt mit kernigem Rock´n´Roll oder brettharten Metal-Riffs. Massiv live-taugliches Material, welches unmittelbar die Füße mitwippen lässt. So weit, so gelungen. Trotz seichter Themenauswahl entgleist dem Sänger gerne mal die stimmliche Kontrolle und es kommt zu intensiven Gefühlsausbrüchen. Auf dem vorab bekannten „Blunt Force Concussion“ schafft man sich somit ein Ventil, welches nach Belieben geöffnet und wieder verschlossen wird. Eine praktische Sache. „Doom Boy“ startet als beängstigende Dampfwalze und kratzt anschließend doch noch die Kurve in gediegenere Fahrwasser. Sollte man die Begrifflichkeit des Etikettenschwindels auf den Lippen haben, so zeigt einem das Finale den gestreckten Mittelfinger. Ein gewaltiges Brett. Ebenso aufbrausend präsentiert sich „Ride or Die“. Von der ersten Note an versprühen The Dirty Nil unbedingte Spielfreude, und massiv Elan, sodass wir hier ruhigen Gewissens von einem der Plattenhöhepunkte sprechen können. „Hang Yer Moon“ dürfte so manchen Bassgitarristen erfreuen. Auch wenn direkte Vergleiche vermessen wären, so stellt dieser Song dennoch unter Beweis, dass auch abseits der „Bro Hymn“ oder „Seven Nation Army“ bassgeführte Songs in der Lage sind, ihren ganz eigenen Charme versprühen.

Eine Verschnaufpause bietet „Damaged Control“. Das Lied bringt abwechslungsreiche Strukturen in ein dynamisches Werk, ehe der Refrain doch wieder ordentlich auf die Pauke schlägt. Warum sollte man auch seine Wurzeln verschleiern? „Done With Drugs“ erzählt von ambivalenten Verhaltensmustern im Umgang mit Drogen und bedient somit natürlich das eine oder andere Rock-Klischee. Nichtsdestotrotz ein weiterer, hoch willkommener Baustein auf „Fuck Art“. „Elvis 77´“ wartet mit absoluter Ohrwurmgarantie auf, bis „One More And The Bill“ die Platte auf durchweg hohem Niveau beschließt.

The Dirty Nil verfügen über eine Menge guter Ideen und verleihen ihren Songs mit liebevoll platzierten Details eine unwiderstehliche Würze. Die musikalischen Leitbilder sind unverkennbar, doch das stört nicht wirklich. Vielmehr hinterlassen die Kanadier einen temperamentvollen Eindruck mit einem Hang zur Skurrilität.

Fazit

7.3
Wertung

Wenn die guten Ansätze im Sinne der Individualität noch ein wenig mehr herausgekitzelt werden, dann haben wir ein Anwärter auf die Hitliste des noch blutjungen Jahres. Doch auch so kann ich mit „Fuck Art“ mehr als gut haushalten.

Marco Kampe