Dexter und "Yung Boomer": Deutschrap für die Seele

„Yung Boomer“, oder wenn man zu jung ist, um sich als „Boomer“ zu fühlen, aber zu alt, um den Wodka Energy in der Dorfdisko mit Annika und Julius zu sippen. Dexter hat ganz nach seinem Motto „nur noch was ich mag“ den Kinderarztkittel an den Nagel gehängt  und ist jetzt Vollzeit-Berufsjugendlicher.
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„Ok, Boomer“: Wer diese Phrase bis jetzt noch nie gehört hat, darf sich wohl auch selbst als „Boomer“ bezeichnen. Zu alt, um den Internetslang zu verstehen, beziehungsweise zu wenig Interesse, um sich mit Instagram und Co. auseinanderzusetzen. „Yung Boomer“, oder wenn man zu jung ist, um sich als „Boomer“ zu fühlen, aber zu alt, um den Wodka Energy in der Dorfdisko mit Annika und Julius zu sippen. Dexter hat ganz nach seinem Motto „nur noch was ich mag“, den Kinderarzt-Kittel an den Nagel gehängt und ist jetzt Vollzeit-Berufsjugendlicher.

Dexter rappt über die Dinge, auf die er Lust hat. Weit und breit finden sich keine Anzeichen für frauenverachtenden Macho-Rap, stattdessen geht es vielmehr um das Älterwerden als „Berufsjugendlicher“, wie Fatoni das Ganze bezeichnet. Dass Dexter nicht der Typ für Szeneclubs, sondern eher für das Gläschen Wein auf der Couch ist, ist spätestens seit der Hommage an sein Lieblingsgetränk („Vino“) klar. Trotzdem ist Dexter kein „Boomer“, der mit Mitte 50 den Abend alleine mit dem neuen Tatort verbringt, sondern eher ein ewig jung gebliebener, immer älter werdender Rapper.

Das Alter bringt auch für Dexter ein paar Opfer mit sich. Die Bierbong wird nun nicht mehr auf jede Party mitgebracht, der Alkohol fließt nicht mehr durch den Schlauch und statt Feiern macht man sich einen „spaßigen“ Tag mit den Kindern. Die Beats produziert der Rapper selbst, denn wenn man etwas richtig machen will, muss man es eben selbst erledigen. Darum geht es auch im Track „Gold“.

Den immer wieder auftauchenden Witz, dass es ein offizielles Austrittsalter für das Rap-Genre gibt, welches man gekonnt ignoriert und einfach solange weiter macht, bis man keine Lust mehr hat, bringt Dexter gekonnt in seinen Texten ein und verleiht ihnen so mehr Authentizität. Denn bei ihm und dem Großteil seiner Crew stellt sich die Frage, wie man in einem Genre altert, welches größtenteils von Jugendlichen gehört wird. Wenn Dexter ein Album herausbringt, ist es quasi Pflicht, dass Fatoni darauf einen Part rappt. Die Features sind durch frühere Tracks schon bekannt. Mit Lugatti & 9ine holt sich der Berliner Rapper  zwei Newcomer aus dem Hip-Hop-Underground und verpasst seinem bekannten Sound einen modernen Punchline-Kick.

Die Platte wirkt insgesamt wie ein Samstagabend mit den Jungs: Entspannt, aber gleichzeitig möchte man zum ein oder anderen Track die verstaubte Bierbong wieder herausholen und an „die alten Zeiten“ appellieren.

Fazit

8.9
Wertung

Ein entspanntes Album mit lockeren Beats und einem von Dexter schon gewohnten Hammerflow. Die Features passen perfekt zu den Tracks und insgesamt stimmt einfach der Vibe.

Paula Thode
7.4
Wertung

Dexter wäre wohl der erste, dem man Boomer-Lines und Dad-Jokes auf einem Deutschrap-Album verzeihen könnte. Aber das ist gar nicht wirklich nötig. „Yung Boomer“ ist fresh geworden. Vor allem persönliche Songs wie „Apoplex“ funktionieren ausgezeichnet. Dass man den Beats dabei ihren Schöpfer stets anhört ist weder etwas Neues noch Schlechtes, gleichzeitig hätte ein größerer Schritt raus aus der musikalischen Komfortzone zu der inhaltlichen Frische des Albums gepasst.

Felix ten Thoren