Deaf Havana und "The Present Is A Foreign Land" - Erwarten se nix

Im Vorfeld zu Deaf Havanas neuen Album stellen sich viele Fragen. Der Vorgänger „Rituals“ wandte sich in verschiedenste Richtungen. Es folgten Personalwechsel, geblieben sind nur die Veck-Gilodi-Brüder. Und man merkt: Auf „The Present Is A Foreign Land“ weiß das Duo nicht exakt, wohin es gehen soll.
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Eigentlich waren Deaf Havana 2020 quasi aufgelöst, doch während Corona hat Matthew dann doch noch weiter Songs geschrieben. Er und sein Bruder James setzten sich an eine Mammutaufgabe. Denn egal, ob man mehr die Alt-Rock-Schiene bedienen möchte oder den auf „Rituals“ angespielten Indie-Pop - das zu zweit durchzuziehen wird schwierig.

Und doch scheitern sie nicht an ihrer Umsetzung. Sie probieren sich an verschiedenen Richtungen durch das ganze Album. Die Platte wirkt wie eine schnelle Zeitreise durch die Epochen der Band. „Going Well“ setzt auf krachende, verzerrte Gitarren, lauten Gesang und raue, durchdringende Stimmen. Ebenso „… Is A Foreign Land“. Nur sind die Gitarren deutlich weniger verzerrt. Und doch sind es Tracks, die einen in die Vergangenheit mitnehmen. Das hätte so auch auf „All These Countless Nights“ vorkommen können. Obwohl die beiden Songs eher Ausreißer auf der Platte sind, fügen sie sich doch perfekt ein in diese Momentaufnahme. Wie klangen Deaf Havana früher? Ziemlich genau so. Wie klingen sie heute, beziehungsweise klangen sie auf „Rituals“, als schon alles anders wurde? Beispielsweise „Somewhere“ ist ein perfektes Beispiel dafür. Zu Gast sind hier Megan Marwick und Lily Somerville, die zu zweit unter dem Namen Ider auf Tour sind. Eine absolut perfekte Ergänzung.

Aber „The Present Is A Foreign Land” ist auch durchzogen von Neuem in verschiedene Richtungen. „Help“ ist in seiner Machart richtiggehend epochal angelegt. Durch den Bläsereinsatz, längere Breaks ohne instrumentalen Einsatz und einen emotionalen Chorus wirkt der Track groß und aufwändig inszeniert. Nicht unbedingt etwas, was man von Deaf Havana kennt. Aber dann gibt es auch geradlinige Pop-Rock Songs wie „19Dreams“ oder „Over The Wire“. Das alles für sich wären gute Ansätze für eigene Alben. Und doch funktioniert das in seinem Wechselspiel hervorragend, sorgt beständig für Höhe- und Tiefpunkte, oft im direkten Wechsel, was einen die Gefühlslagen des Albums wunderbar mitfühlen lässt.

Die große Frage wird weiterhin nicht beantwortet: Wohin geht es mit Deaf Havana? Aber vielleicht ist in diesem Fall keine Antwort die Antwort. Denn vielleicht wird das die Richtung - einfach alles, was Deaf Havana gut können wird verarbeitet. Und bis jetzt sind noch keine Ausfälle in Sicht.

Fazit

7.4
Wertung

Ich hätte eine weitere stilistische Spezialisierung erwartet, aber das ist nicht passiert. Jedoch muss man sich dennoch auf die Platte einlassen, denn sie macht alles was sie macht, und das ist vieles, hervorragend und hat ihre Chance verdient. Auch wenn man keinen Pop von Deaf Havana hören möchte, er ist einfach stark.

Moritz Zelkowicz