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Darjeeling und „Hokus Pokus“: Gemischte Tüte für fünf Mark

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So, 14.04.2019 - 17:37
Was war das früher schön! Nach der Schule mit dem Taschengeld zum Bäcker oder zur Bude und sich dort eine gemischte Tüte zu holen. Allerlei Naschkram, aber kein Lakritz! Und siehe da, das gibt es jetzt auf CD! Doch leider gibt es auf „Hokus Pokus“ von Darjeeling doch sowas wie Lakritz.

Interessant. Meist ist das in Hinblick auf Musik nicht positiv gemeint, aber bei Darjeeling tatsächlich nicht. Der Einstieg in „Hokus Pokus“ ist aber erstmal anstrengend. Die tiefe drückende Synthie-Line in „Four Days“ löst leicht beklemmende Gefühle aus und diese werden von der stets leicht dissonanten Begleitung im weiteren Track nur gehalten. Bis die letzte Minute ein Riff einsetzt, welches bis zum Schluss fortgesetzt wird und erstmals so etwas wie Struktur in den Track bringt. „Shiver“ macht da weiter, wo „Four Days“ angefangen hat. Nur anders. Ganz anders. So anders, dass man sich fragt, ob man noch auf dem gleichen Album ist. Das hysterische Lachen zu Beginn passt gut zum Songtitel, denn es kann tatsächlich ein leichtes Schauern einsetzen. Der weitere Track klingt nach einer Mischung aus Elton John, Billy Joel und Norman Greenbaum. Also gut dreißig bis vierzig Jahre alt. Das heitere Piano, abgesehen von den Tönen, die regelmäßig voller Absicht daneben liegen, klingt wie eine angenehme 70er Jahre-Rock-Nummer.

Nach hochmodernem Post-Rock eine spannende Mischung. Es folgt ein Interlude mit dem Titel „Nosferatu“, in welchem das nächtliche Erwachen des Grafen Orlok, genannt Nosferatu, und das Öffnen und Verlassen seines Sarges akustisch skizziert ist. Nosferatu ist ein Stummfilm aus der Weimarer Republik, eine Adaption von Bram Stokers Dracula. Das Interlude ist gut gewählt, denn das anfängliche Unbehagen setzt hier wieder voll ein. „Odyssey“ ist der bis dahin rundeste Track auf „Hokus Pokus“ wäre da nicht die letzte halbe Minute in welcher in scheinbarer Willkür Töne eingespielt werden, die eigentlich nur durch einen defekten Kopfhörer verursacht worden sein können. Weit gefehlt, auch hier, volle Absicht. In „Tangled Arms“ ist wiederum alles irgendwie drin. Aber wirklich gut will davon nichts zueinander passen. Der langsame Rhythmus, der ruhige Synthesizer, alles wirkt ein wenig nach hochmodernem Smooth Jazz. Aber in der letzten Minute steigern sich Darjeeling in die Szenerie. Und schaffen mit reichlich Dissonanzen wieder ein beklemmendes Gefühl, welches durch ein permanente Rauschen aus verschiedensten Klängen im Hintergrund zusehends verstärkt wird. „There I’ll Come“ kommt wieder anders daher. Ein wenig, als hätten Nirvana „Nevermind“ in den 70ern aufgenommen und von Jim Morisson produzieren lassen. Dieser Psychedelische Pop-Grunge mit vielen Prog-Elementen veranstaltet ein musikalisches Chaos, welches erstmals auf der Platte richtig überzeugt. Denn dieses Chaos wächst zu einem großen Ganzen, wenn man sich nur voll darauf einlässt.

„Oh Darling“ entführt uns in die 80er, wird aber partiell von etwas unterlegt, was nach einer Sirene eines Spielzeugautos klingt. „Early Sunday Morning“ ist das Highlight auf „Hokus Pokus“ – aus dem einfachen Grund, dass hier am wenigsten rumxperimentiert, wurde. Einfach ein guter 80er Jahre-Post-Rock-Mix, der einfach sehr lässig ist. Und erstmals kann man sich vorstellen, dass bei der Aufnahme des Songs so etwas wie Noten vorlagen.

Darjeeling zeigen auf „Hokus Pokus“ eine Vielfalt, die man so definitiv nicht oft sieht. Weil man eine solche Vielfalt auch einfach nicht wirklich sehen möchte. Es ist zu viel, schlichtweg viel zu viel. Das Album wirkt mehr wie ein Mixtape, aber von sehr vielen verschiedenen Künstlern. Die wenigen Tracks, die von vorne bis hinten wirklich stimmig sind, gehen leider im Chaos und der Extravaganz der übrigen Tracks unter. Das Album ist eine echte Herausforderung und strengt wirklich an.