Courtney Barnett und „Things Take Time, Take Time“: Zeit zu heilen

Auf ihrem dritten Album blickt die australischen Singer-Songwriterin nach draußen – und reduziert ihre grungige Bandbesetzung auf Home-Demo-Niveau. Positiv und intim wirken die Songs - nicht immer zu ihrem Besten.
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Für Courtney Barnett waren die letzten beiden Jahre, wie für den Großteil der Weltbevölkerung, eine Zeit der erzwungenen Verlangsamung. Plötzlich saß man zu Hause und hatte viel Zeit. Und was macht man da als Songwriterin? Man nimmt sich die Gitarre und schreibt Songs. 10 davon sind jetzt auf „Things Take Time, Take Time“ erschienen und die Entschleunigung merkt man ihnen an. Im traditionellen Sinne rockige Momente, wie es sie auf den beiden Vorgängeralben gab, sucht man hier vergebens. Stattdessen vermittelt „Things Take Time, Take Time“ den intimen Eindruck eines gut produzierten Demos. Leider hinterlässt diese Reduktion einen zwiespältigen Nachgeschmack. Die ersten vier Songs funktionieren für sich genommen gut. Dass davon zwei als Singles ausgewählt wurden, ist deshalb nur logisch. Aber im Albumkontext wirken sie dann doch etwas langweilig, weil wenig abwechslungsreich. Erst „Turning Green“ nutzt die reduzierte Aufnahmesituation interessant und besteht zu weiten Teilen aus einem Drumcomputer-Beat und Bassbegeleitung. Auch das auf quirlige Weise unharmonische Solo bleibt hängen.

Handelte das Debütalbum „Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit“ davon, sich selbst zu finden und das folgende „Tell Me How You Really Feel“ davon, seinen Platz in der Welt zu behaupten, richtet Courtney Barnett dieses Mal ihren Blick nach außen, im Opener „Rae Street“ wörtlich aus dem Fenster, in „Take It Day By Day“ als Ratgeber an alle, die öfter mal Sätze wie „Don’t stick the knife in the toaster“ brauchen.  Auch „Write A List of Things To Look Forward To“ gehört in diese Kategorie. Die Texte sind überhaupt durchzogen von dem Versuch, positiv zu sein und zu bleiben. „Before You Gotta Go“ ist die Art Break-Up-Song, die sagt: „Doof gelaufen mit uns Beiden, aber ich wünsche dir alles Gute, weil ich dich immer noch mag." Manchmal funktioniert Barnetts Versuch, sich von den eigenen Gefühlen zu distanzieren, indem sie ein Du adressiert und sich musikalisch zurücknimmt, gut. Anderen Songs merkt man an, dass sie eigentlich in ein anderes Gewand gehören: So will zum Beispiel „If I Don’t Hear From You Tonight“ eigentlich Power-Pop sein und bleibt deshalb im Arrangement - wie vieles auf dem Album - hinter seinen Möglichkeiten.

Fazit

6.9
Wertung

Als Album, das aus der Corona-Lethargie entstanden ist, kann ich „Things Take Time, Take Time“ durchaus akzeptieren. Neue Musik von Courtney Barnett streiche ich deswegen jedenfalls nicht von der Liste an Dingen, auf die ich mich freue.

Steffen Schindler
6.9
Wertung

Ausgeglichen, grundpositiv, modern. Eine Hörempfehlung für Freunde gesitteter Töne mit Abwechslung.

Marco Kampe