Counterparts und "You're Not You Anymore" - Neue Besetzung, neuer Sound

Melodic Hardcore wird als Genre immer beliebter - daran sind Counterparts nicht unbeteiligt. Im letzten Jahr verließ einer der Songwriter, Gitarrist Jesse Doreen, die Band. „You’re Not You Anymore“ setzt alles daran, den Standard trotzdem zu halten.
Counterparts Youre Not You Anymore Cover

Brendan Murphy, Sänger und einzig verbleibendes Originalmitglied der Band, hatte sich mit jedem Album mehr und mehr von positiven Zwischentönen verabschiedet. Die Texte von Counterparts waren nie für fröhliche Partys geeignet, und doch gab es zwischendurch Lichtblicke und aufbauende Worte. Schon die letzten beiden Alben „The Difference Between Hell And Home“ und „Tragedy Will Find Us“ wurden aus Tod, Krankheit, gebrochenen Herzen und Angst geboren. Kaum ein Wort der Hoffnung drang durch die Schreie und berstenden Gitarrenspuren. „You’re Not You Anymore“ steigert diese Negativität erneut und lässt auch die letzte Blume in der besungenen Dystopie sterben.

Das Album strotzt nur so vor Metaphern und lässt sehr viel Raum für Interpretationen. Nichts wird direkt benannt und meist kann man nur ahnen, was im Kopf des Texters vorging, als er die hasserfüllt und depressiv klingenden Zeilen zu Papier brachte. Die Themen scheinen erneut verlorene Liebe und vor allem Depressionen zu sein. Trotzdem ist viel Platz, um die eigenen Gefühle und Gedanken im Textkonstrukt unterzubringen. Unabhängig von der eigenen Interpretation wirken die Songs aber unglaublich düster und tragisch. Tracks wie „Rope“, „Haunt Me“ und „You’re Not You Anymore“ klingen auch so, wie sie heißen - und dabei richtig gut.

Stimmlich gibt es hier erstklassige, kehlige Screams mit gelegentlichen Growl-Passagen. Der Gesang klingt wütend, verzweifelt und glaubhaft am Limit. Murphy schreit sich förmlich die Seele aus dem Leib, was sehr gut zur Stimmung und zu den Texten passt. Ab und an gibt es mehrstimmige Parts, aber diese sind selten und gut platziert. Ansonsten wird der Frontmann teils mit Effekten verstärkt, ohne dabei jedoch ins Verzerrte abzudriften. In „Arms Like Teeth“ klingen die Vocals teils sehr weit entfernt, als würde Murphy draußen vorm Haus die Fenster anbrüllen. Kleinigkeiten, welche der Atmosphäre guttun.

Musikalisch geht es, wie auch textlich bereits, eine Etage tiefer in neue, düstere Töne. Hart und dunkelklingend waren Counterparts schon immer, „You’re Not You Anymore“ wirkt jedoch noch deutlich getriebener und brutaler. Der Wegfall von Jesse hat der Musik nicht geschadet, sie jedoch verändert. Der Sound wirkt etwas rauer und schwerer als noch auf den Vorgängeralben, ohne dabei den melodischen Teil zu vernachlässigen. Die Leadgitarre ist, wie im Melodic Hardcore üblich, sehr prominent und auch auf dem neuen Album eine der besten im Genre. Songs wie beispielsweise „Fragile Limbs“ wirken sehr verspielt und auch das kurze Instrumentalstück „Walk Away Slowly“ beweist Abwechslungsreichtum. Ansonsten gibt es heftigen Melodic Hardcore mit harten Drums, scheppernden Gitarren und einem hämmernden Bass, inklusive einiger Breakdowns für Mosh-Fans. Keine Neuerfindung des Genres, aber mit sorgfältigem Songwriting und viel Können definitiv ein Hörgenuss für Fans dieser Musikrichtung.

„You’re Not You Anymore“ zeigt denen, die mit Jesses Wegfall den Untergang der Band sahen, dass sie falsch lagen. Die Änderungen am Sound sind hör- und spürbar, bringen jedoch frischen Wind in die Band und machen Lust auf mehr. In weniger als einer halben Stunde wird hier alles aufgefahren, was man von einem Album der Kanadier erwarten würde. Nach einer kurzen Eingewöhnung an den neuen Sound läuft das Album problemlos auf Dauerschleife und fesselt den Hörer mit seinen elf Songs von Anfang bis Ende. Counterparts haben das Genre nicht neu erfunden, aber ein sehr gutes Album abgeliefert. Und das war alles, was die Band wollte.:

"YNYA is the perfect blend of every record we've released prior. I feel like we did a great job at capturing the best parts of Counterparts. Not to sound like a broken record, but these are definitely the coolest songs we've ever written. I really do hope you enjoy it. If not, I'm sorry and I guess we'll try harder next time." - Brendan Murphy.

Fazit

7.4
Wertung

Depressiv, hart und unbarmherzig geschrien. Melodischer Hardcore mit Suchtgefahr.

Johannes Kley
6.7
Wertung

Wer modernen Melodic-Hardcore mag, wird kaum an der neuen Counterparts-Platte vorbeikommen. Leider fehlt es insgesamt an Abwechslung, sodass am Ende nur ein solides Album bleibt, das gut ist, aber nicht begeistert. 

Lucio Waßill