City Light Thief und „Nothing Is Simple“ – Von Raupen und Schmetterlingen

„Nichts ist einfach“; in diesem Fall ein Paradoxon falscher Bescheidenheit? Der Einstieg in den vorliegenden Longplayer ist es schließlich allemal!
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Im Bereich des Post-Hardcore/Metalcore rumort es nur so vor (talentiertem) Nachwuchs. Die Differenz zwischen Qualität und Quantität beschreibt sich dabei trefflich am Beispiel des heimischen Gartens. Einer Raupe ähnelnd wachsen Fangemeinde und Anzahl der Künstler rasant an. Was die Musikszene anbelangt, werden einige zum Kokon und die finale Stufe der Evolution, das Dasein als Schmetterling, erreichen nur die Wenigsten. Fjørt befinden sich auf dem besten Weg dorthin und auch City Light Thief machen mächtig Druck.

„Sommersault“, welches vorab als Video veröffentlicht wurde, überrascht konträr zu der landläufigen Genrezuordnung nicht nur mit der instrumentalen Umsetzung. Raffiniertes Riffing, diverse Stimmungs-/Tempowechsel und ein erfrischend kreativer Text, der sich von der üblichen Phrasendrescherei differenziert, setzen sich so zusammen, als hätten sie seit jeher auf eine solche Kombination gewartet. Benjamin Mirtschins Vertonung der Lyrics ist im positiven Sinne unvorhersehbar. Auf das Verlassen harmonischer Gefilde folgt stets ein melodiöser Part; wann genau, das weiß niemand.

„No One Nowhere“ kreiert ein schattenhaftes Szenario in der Mitte zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung sowie des eigenen Werdegangs. Reflektiert, zunächst sperriger als die vorherigen Tracks, doch dafür mittelfristig mit beachtlichem Potential. Selbiges besitzt „To Hysteria“ zur Genüge. Problemlos lässt sich in Bezug auf das Intro das Präfix aus „Post-Hardcore“ streichen – jede Hardcore-Kapelle könnte in dieser Manier arbeiten, ohne eingesessenen Fans vor den Kopf zu stoßen. Abwechslung bietet „Communion“ mittels seichterer Ausrichtung und weitestgehend cleanem Gesang. Funktioniert und gefällt!

Die eingangs angesprochene Zugänglichkeit offenbart sich nicht ausnahmslos. „Death Trip“ und dessen hintergründiges Screaming im Stile der frühen Billy Talent Werke kann durchaus polarisieren. Während man nah an der Nervgrenze vorbeidriftet, lässt der Mittelteil das Unbehagen verfliegen. Der „Torch Song“ rundet „Nothing Is Simple“ ab und sollte als Rausschmeißer bei Live-Auftritten verwendet werden. Die Lichter gehen an, die Band verabschiedet sich vom Publikum und „There´s a place […] and it´s obvious to me that we belong there“ trällert aus den Lautsprechern. Ein toller Abschluss.

Im Stile der Naturmetapher haben sich City Light Thief (noch) nicht vollends von den anderen Raupen emanzipiert, doch sie vollziehen die Wandlung mit massiver Geschwindigkeit und Nachdruck, sodass sich der Kokon sehr bald auflösen wird. Vielleicht der nächste Szene-Schmetterling?

Fazit

7.5
Wertung

Für mich beweist die Formation viel Eigendynamik und könnte mit ihren Kompositionen die Musiklandschaft gehörig aufmischen. Daumen hoch!

Marco Kampe