Citizen und “Life In Your Glass World”: Tanzbare Bürgerlichkeit

Citizen verhelfen mit ihrem mittlerweile vierten Album den träge gewordenen Corona-Körpern ihrer Fanschaft zu neuem Bewegungsdrang. Diese Motivation ist an für sich sehr erstrebenswert, wer aber darüber hinaus nach mehr Tiefgang sucht, wird leider etwas enttäuscht.
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Vier Jahre sind seit dem letzten Album “As You Please” vergangen, nun melden sich Citizen mit “Life In Your Glass World” zurück. Bewegte sich das Quintett aus Ohio auf ihren vergangenen Platten irgendwo im musikalischen Bermuda-Dreieck aus Punk, Indie und Emo, vereint die neueste Veröffentlichung Einflüsse aus all diesen Genres und wirft hier und da ein paar obskure Elektroelemente in den Mix. “Life In Your Glass World” ist die bislang stringenteste Platte der Band. Die warmweiche Rhythmussektion aus Bass und Schlagzeug liegt, gebrochen lediglich durch die enorm crisp klingenden Becken und Hi Hats von Drummer Jake Duhaime, wie ein dicker Teppich unter den Indie-Riffs und wehmütigen Lyrics. Hier geht es in feinster Emo-Manier um Missverständnisse, Entfremdung und andere zwischenmenschliche Fettnäpfchen. Der ganz große poetische Wurf gelingt Sänger Mat Kerekes dabei zwar nicht, die Texte sind aber durchweg stimmig und zu keinem Zeitpunkt kitschig oder unangenehm.

Angenehm ist sowieso ein ziemlich passendes Prädikat für “Life In Your Glass World”, im Positiven wie im Negativen. Die Kohärenz des Albums ergibt sich nämlich unter anderem auch durch eine gewisse Monotonie, die einen beim Hören ziemlich schnell einlullt und dann die Platte wie einen großen Klumpen aus Offbeat-Drums und 4-Akkordriffs in verschiedenen Spielarten an einem vorüberziehen lässt. Man könnte Citizen hier zugute halten, dass sie das Destillat aus ihren stilistischen Einflüssen gefunden haben und es nun rigoros anwenden. Man könnte aber auch kritisieren, dass es “Life In Your Glass World” an Dynamik fehlt. Es gibt keine Überraschungen. Für eine Swingtanz-Playlist in der Dorfdisko ist es vielleicht von Vorteil, wenn man sich zwischen den Songs nicht mehr umgewöhnen muss, aber gilt das neuerdings auch für Indie-Punk-Alben?

Jegliche Versuche, den Songs ein wenig Gröbe oder gar Edge unterzumischen, verlaufen konsequent im Sande, wenn wie in “Pedestal” die düster verzerrten Bassklänge des Intros dann doch wieder von einem Riff abgelöst werden, dass die Donots in der Form schon 2008 geschrieben haben. Kurzum, Citizen liefern eine tanzbare, für Emo-Verhältnisse ziemlich fröhliche vierte Platte, die aber in Punkto Varianz an vielen Stellen zu wünschen übrig lässt.

Fazit

5.9
Wertung

“Life In Your Glass World” ist kurzweilig, eingängig und upbeat — mit allen Konsequenzen, die diese Attribute mit sich bringen. Schon nach ein paar Hördurchgängen kennt man alle Soundelemente und das Album kann quasi nicht mehr überraschen.

Kai Weingärtner
6.5
Wertung

Das neue Album von Citizen setzt recht vielversprechend ein und kann das in einigen Songs auch beibehalten. Manche Songs wirken für meinen Geschmack allerdings zu pop-lastig und eher weichgewaschen: ganz schön, aber etwas langweilig - alles in allem jedoch ein hörbares Album mit ein paar wirklich schönen Liedern.

Meret Stursberg