Boston Manor und „Welcome To The Neighbourhood“: Hochinteressante Gemeinschaft

Die gute Nachbarschaft - Sehnsuchtsort der provinziellen Vorstadt, irgendwo zwischen sozialer Stütz- und Kontrollfunktion, mit zuweilen angestaubtem Image. Dass Boston Manor so bereitwillig einen Einblick hinter die heimischen Pforten gewähren, ist eine kaum abzulehnende Einladung.
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Mit dem namensspendenden Intro öffnet sich der Vorhang. Der minimalistisch anmutende Textteil langweilt nicht, er ebnet vielmehr den Weg für alle stilistischen Feinheiten, welche man für „Welcome To The Neighbourhood“ erschaffen hat. Repetition ist kein Manko! Wie es scheint, ziehen Boston Manor ein persönliches Vergnügen aus der Fehlleitung ihrer eigenen Hörerschaft. Der Beginn von „Flowers In Your Dustbin“ ist beinahe sonderbar genug, um einen Slipknot-Song einzuleiten. Der Song geht jedoch in einer solchen Wonne auf, dass die übersteigerte Spielfreude selbst Corey Taylor demaskieren würde. Ähnliches stellt man bei „FY1“ fest, wobei dieses lediglich ein Interlude für das melodisch-dynamische „Stick Up“ darstellt.

Hier knüpft auch das vorab veröffentlichte „Halo“ an. Für die einen Powerballade, für die anderen ein ergreifende Hymne - ohne den Versuch der Etikettierung bleibt ein würdiger Repräsentant des vorliegenden Longplayers. Packende Refrains erwarten den Hörer auch mit „England´s Dreaming“ und „Tunnel Version“. Ein unumstößlicher Eckpfeiler des Gesamtkonstrukts.

 „Funeral Party“ könnte, unter Bezugnahme auf das kriminalistisch anmutende Artwork, eine New-Metal-Breitseite über den ghettoisierten Brennpunkt einer Großstadt darstellen. Ganz so makaber fällt die Ausgestaltung dann doch nicht aus, wobei auch Hollywood Undead ihren Spaß an diesem Song haben könnten. „Hate You“, „Digital Ghost“ oder auch „Bad Machine“ fahren schwerwiegendes Vokabular auf, was einerseits in ausgeklügelten, modernen Rock-Songs mündet und zeitgleich den Freiraum für wiederkehrende Ruhepausen schafft. Abwechslung wird großgeschrieben.

„If I Can`t Have It No One Can“ ist das schäumende Pendant zu aller Leichtigkeit. Die nur schwerlich zur gesanglichen Darbietung geeigneten Zeilen erfordern Flexibilität und die vielzitierte „Out-Of-The-Box“-Herangehensweise. Nichts von alledem scheint ein Problem für Boston Manor darzustellen. Linkin Parks „Shadow Of The Day“ wird gekonnt als Outro recycelt - Wiederverwertung im Sinne der guten Nachbarschaft.

Summa summarum ist man in Boston Manors Mitte bestens aufgehoben. Eine vielschichtige, einladende und schlagkräftige Ansammlung von Liedgut, welches sich in Zukunft zur neuen Heimat zahlreicher Gitarrenjünger entwickeln könnte. Die Daumen sind gedrückt.

Fazit

7.9
Wertung

Bei derartiger Güte werden Anrainer die nächtliche Ruhestörung sicherlich verschmerzen können.

Marco Kampe