Boris/Merzbow und „2ROI2PO“: Katharsis auf Japanisch

Wenn sich die japanischen Noise-Ikonen Boris und Merzbow für ein Album zusammenschließen, ist es jedes Mal wieder ein Ereignis. Das inzwischen achte gemeinsame Projekt „2ROI2PO“ bildet da keine Ausnahme. Doch wie bereits für die Vorgänger gilt: Die Qualität der Songs steht und fällt mit dem Zusammenspiel der beiden Protagonisten.
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Auf der einen Seite wäre da Boris. Das in Tokio beheimatete Trio gehört zu den treibenden Kräften innerhalb der progressiven Musikszene Japans und bewies zuletzt, dass es spielend leicht zwischen hart austeilendem Noiserock und psychedelisch eingefärbten Doom wechseln kann. Konträr dazu entfesselt Masami Akita alias Merzbow einen harschen Noise-Blizzard, dessen messerscharfe Glitches sich tief und unnachgiebig durch Speaker und Gehörgänge schreddern. Alles in Allem ein Rezept, bei dem bereits zwei Köche zu viel sein könnten. Doch belehrt uns „2ROI2PO“ eines Besseren. Schon der Opener „Away From You“ beweist die Fähigkeit der beiden Parteien, sich selbst ein Stück zurückzunehmen, ja sogar sachte und gefühlvoll zu agieren. Boris‘ Definition von „gefühlvoll“ liegt derweil in warmen Basslines und verhallten Gitarrenspuren, die von Merzbow mit klappernden Feldaufnahmen und wohl dosiertem Elektronik-Gesprudel ergänzt werden. An anderer Stelle beweisen Boris und Merzbow auf „Absolutego“ absolute Synchronizität und stürzen sich wie Turmspringer mit kreischenden Gitarren-Bends und Glasscherben-Glissandi in harte Breakdowns und groovy Riffs, sodass der Begriff Noiserock eigentlich neu definiert werden müsste. Auch „Evol“ markiert ein Highlight und triumphiert durch ein fein abgestimmtes und wirkmächtiges Crescendo. Diese Songs gehören zur ersten Kategorie.

Die zweite Kategorie gibt es leider auch, und das sind jene Tracks, bei denen das Zusammenspiel entweder nicht richtig funktioniert oder die Protagonisten schlicht überhaupt nicht aufeinander achten. So wirkt das beißende Geklirre von „To The Beach“ in seltsamer Disharmonie zur Begleitung mit dick aufgetragenen Akkorden und scheppernden Becken, während in „Journey“ Boris und Merzbow völlig aneinander vorbei kommunizieren und darüber hinaus auch nicht zum Punkt kommen. Der schlimmste Übeltäter ist in dieser Hinsicht jedoch wohl „Love“. Hier passt gar nix mehr, dafür ist aber alles zu laut. Bei einer durchschnittlichen Songdauer von sieben Minuten eine ziemlich anstrengende Hörerfahrung. Glücklicherweise bleiben diese Songs in der Minderheit, während das Album mit einem starkem Finale – bestehend aus dem doomigen „Boris“ und markerschütternden „Shadow Of Skull“, dessen brachiale Drumschläge das Potenzial besäßen, tektonische Platten zu verschieben – eventuell verloren gegangene Schäfchen wieder einfangen kann.

Fazit

7
Wertung

Ein anderthalbstündiges Noiserock-Album wird niemals eine Easy-Listening-Erfahrung sein, "2ROI2PO" ist aber vielleicht gerade aufgrund seiner Vielfältigkeit der perfekte Einstieg für Genre-Neulinge. Und sei es auch nur, um jeden Jahresrückblick über dieses gottverdammte 2020 in etwas Krach zu ertränken. 

Felix ten Thoren
6.8
Wertung

Boris und Merzbow harmonieren — wenn man das im Kontext dieser Musik so nennen kann — auf "2ROI2PO" streckenweise extrem gut zusammen, auch wenn manche Tracks ein wenig zu zweigleisig fahren, sodass die Einflüsse der beiden Künstler:innen eher nebeneinander als miteinander auftreten. Ein tobender Noise-Blizzard trifft auf Geräuschkulisse kaputt gegangener Elektrogeräte. Das Weihnachtsalbum des Jahres!

Kai Weingärtner