Blackout Problems und „Kaos“: „We came to raise the limit“

Die neue Platte der Wahl-Münchner legt die Messlatte hoch, ohne allzu viel anders zu machen. „Kaos“ ist erwachsener, ohne den liebenswerten Teenage-Charme zu verlieren.
528689.jpg

Wenn Mario zu singen beginnt, wird man direkt wieder eingefangen. Von seiner markanten Stimme und Melodieführung, seiner Sprache, die der auf dem Vorgänger „Holy“ stark verbunden bleibt und dem zunehmend etablierten Blackout Problems Sound. Der gut gewählte Opener „How Are You Doing“ ist irgendwie jugendlich, irgendwie familiär und ein bisschen schwermütig. Der perfekte Song, wenn man sich länger nicht gesehen hat und den Spagat zwischen neu vorstellen und alles ist wie früher bewältigen will.

Die Müncher Kapelle ist musikalisch hörbar gereift. Von einem recht lässigen Roadtrip-Album („Holy“) zu einer durch und durch ausgefeilten Platte voller Feinheiten und Überraschungen, sowie verspielter Elemente, die nicht immer aus Gitarren- oder Bassboxen kommen. Die Musik wirkt durchdacht, ebenso wie auch die Melodien und Texte. So klingt definitiv eine Weiterentwicklung, die man gutheißen mag.


Musikalisch sind Blackout Problems mit „KAOS“ ein großes Stück gewachsen. Musik für gigantische Bühnen machen sie aber noch lange nicht. Bereits der Einstieg in das Album holt die Hörerschaft direkt in den reflektierten Teenager-Kosmos, den schon die bisherigen Veröffentlichungen ausstrahlten. „We’ve grown up together, you make me lose control“ und andere schelmisch-jugendhafte Zeilen, mit Blick zurück, wecken Erinnerungen an die 24/7 EP – und machen deutlich, dass seitdem doch schon einige Jahre ins Land zogen.

Im weiteren Verlauf möchte man zum „Kaos“-Soundtrack mitten in der Nacht freudig überdreht und leichtfüßig über Brücken schweben, kurz innehalten und sich in den Reflexionen der Lichter in dunklen Wassern oder Großstadtbüroturmfenstern verlieren, bevor man seine Freunde in den Arm oder an die Hand nimmt und den Rest des Heimwegs durch den Schmutz einer gewöhnlichen Menschenmetropole antritt. Die Gedanken hängen mal wehmütig am Vorgestern, mal in euphorischer Erinnerung am Gestern oder einfach nur im Hier und Jetzt an der Schulter des Nebenmanns. 

Durchweg sind die Songs im Kontrast zum Albumtitel definiert und sortiert. Songs wie „911“ belegen, weniger ist manchmal eben wirklich mehr. Der Reise durch „Kaos“ kann man während des Hörens ohne Probleme folgen. Beachtlich ist die Länge der Songs. Mit 12 Liedern kommt "Kaos" auf eine Gesamtspielzeit von 47 Minuten. Ein anhaltender Genuss, ohne sich auch nur einmal in die Länge gezogen anzufühlen.

Die bessere Produktion des Albums gibt Blackout Problems endlich den Druck und die Kraft, die sie bei jeder Liveshow unübersehbar ausstrahlen. Dieses Album und die immense Anzahl an Konzerten, die die Band spielt, sollte ihr zu dem Bekanntheitsgrad verhelfen, den sie verdient.

Fazit

8.1
Wertung

Zu sehen, wie diese Band musikalisch erwachsener wird, ohne ihren College-Racker Charme zu verlieren, ist famos. Zusammen mit dem facettenreichen Songwriting und der schnieken Produktion ein großer Schritt nach vorn. Ach, und Marios Stimme bewirkt, dass ich mich konstant jünger fühle, als ich bin. Und man ist ja schließlich eh nur so alt, wie man sich fühlt.

Merten Mederacke
7.7
Wertung

Blackout Problems klingen auf „Kaos" wie gewohnt und doch ganz anders. Mit ausgefeilten Songs, unerwarteten Twists, einer unsteten Dynamik und tiefgehenden Texten vermag die Platte aufzuwühlen und zu beruhigen im selben Atemzug. Im Idealfall lauscht man der Musik mit der gebührenden Zeit und Muße, um die transportierte emotionale Stimmung wirklich erfassen zu können.

Sarah Ebert