Blackout Problems und “DARK”: L.O.V.E. thy neighbour

Die Münchner Blackout Problems unternehmen mit ihrem dritten Album einen kreativen Befreiungsschlag und entführen ihre Zuhörer:innen in die düstere, melancholische, aber dennoch hoffnungsvolle Welt des “Dark Pop”.
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Fridays are for murderers / get your shotgun out - Mit diesen Worten, gepaart mit einer rastlosen Kickdrum und Snareschlägen wie Peitschenhieben begrüßt Blackout-Problems-Sänger Mario Radetzky sein Publikum auf der dritten LP der Band. Nachdem schon der viel gelobte Zweitling “KAOS” immer wieder in die elektronische Trickkiste gegriffen hatte, ist den vier Bandmitgliedern die Kombination aus unterkühlten Synthieklängen und Alternative-Rock-Gitarren auf “DARK” vollends in Fleisch und Blut übergegangen. Trotz der durchaus starken Kontraste auch innerhalb einzelner Songs fühlt sich das ganze Album sehr organisch an, die verschiedenen Elemente fügen sich nahtlos zusammen und wirken nie gequält oder erzwungen. Ein meisterhaftes Beispiel hierfür ist der Song “LOVERS”, auf dem sich die minimalistisch inszenierten Strophen zum Refrain in orchestral anmutendem Gitarrenspiel entladen. Solche unerwarteten Stilwechsel ziehen sich durch das ganze Album, wie schon das plötzliche Einsetzen der Gitarrenmelodie im eingangs erwähnten Opener “MURDERER” ankündigte.

Die ganz große Stärke von “DARK” ist die unglaublich dichte Atmosphäre, die die Band Song um Song aufs Neue aufbaut, einreißt und neu definiert. Sphärische Synthesizer-Flächen und zerbrechliche Keys werden immer wieder von bissigen Drums und schneidenden E-Gitarren durchbrochen, die dann ihrerseits wieder in sich zusammenstürzen, um Raum zu schaffen für Streicher und Chorgesänge. Die Vocals wechseln dabei je nach Belieben vom erbitterten Protestgesang zum introvertierten Geschichtenerzähler zu bedrohlichem Flüstern.

Ganze sechs Singles gaben den Fans einen Vorgeschmack auf die musikalische Vielfalt von “DARK”. Bei einem derart hohen Output von Singles stellt sich die Frage, ob dann das komplette Album überhaupt noch Überraschungen bereithalten kann, oder ob die Band da nicht ihr Pulver schon im Vorhinein verschießt. Diese Skepsis löst sich bei “DARK” spätestens nach dem ersten vollständigen Durchhören in Luft auf, auch wenn ein Track wie “GERMANY, GERMANY” sicher auch vom Überraschungseffekt profitiert hätte. Die Auswahl der Singles ist ebenfalls passend getroffen, bieten die fünf Songs doch einen sehr guten Überblick über die stilistische Bandbreite der Platte, vom starken Elektro-Einschlag eines “HOUSEONFIRE” zur großen Gestik eines “LADY EARTH”.

Letzterer ist ganz nebenbei auch ein perfektes Beispiel dafür, wie Blackout Problems politische Statements, wie in diesem Fall zum Klimawandel, mit emotional aufgeladenen Narrativen verbinden. Nachdem “KAOS” im Vergleich zum ersten Album “Holy” den erzählerischen Blick nach innen richtete und persönliche Geschichten erzählte, widmet sich die Band auf “DARK” auch wieder den großen gesellschaftspolitischen Problemen, behält dabei allerdings die Nahbarkeit und Intimität des Vorgängers bei. Radetsky’s Gesang wechselt dabei von kratzig und wütend bis dünn brüchig. Den Ersteindruck, der durch die aggressive Delivery der Zeilen von “MURDERER” erweckt wird, konterkariert die Band noch innerhalb desselben Songs mit den simplen Worten I disagree. Blackout Problems zeigen, dass sie keine Angst vor provokativen Aussagen haben und ihren Hörer:innen genug Mündigkeit attestieren, sich aus den Songs ihre eigenen Aussagen zu ziehen, ohne sie ihnen erst mundgerecht vorverdauen zu müssen.

Fazit

8.9
Wertung

"DARK" ist die konsequente Weiterentwicklung der Liaison aus Alternative, Elektro und Pop, die die Band mit "KAOS" begonnen hatte. Ein extrem facettenreiches Album mit der klaren Vision, das komplette Spektrum menschlicher Gefühlswelt in Musik zu übersetzen. Klaustrophobisch bis explosiv, flehend bis fordernd, flüsternd bis schreiend. Blackout Problems beginnen das Jahr 2021 mit einem Knall.

Kai Weingärtner
9
Wertung

Die Blackout Problems sind eine sehr starke musikalische Entwicklung durchgegangen und überzeugen auf voller Länge mit neuen Elementen in ihren Songs. Mehr Mut zum Synthesizer und doch immer noch die unverkennbaren Wurzeln einer Rockband - eine großartige Mischung. Ob dieses Album das neu entdeckte Genre Dark Pop populär machen wird? Ausgeschlossen ist es nicht, sondern wünschenswert und realistisch.

Jan-Severin Irsch