Baroness und "Gold & Grey": Biomonitoring, ein Wegweiser

In der Ökologie fungiert die Umweltbeobachtung als Methode, um Veränderungen am Forschungsobjekt aufzuzeigen. Welche Zustandsänderungen werden durch welche externen Rahmenbedingungen bedingt und welchen Einfluss nimmt die Zeit als kritischer Faktor auf ebenjene Wandlung. Allesamt spannende Fragen, mit denen sich auch die Musik der Neuzeit konfrontiert sieht.
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Man nehme ein Ökosystem seiner Wahl, etwa den europäischen Mischwald: Der Anteil an Laubbäumen, das Vorhandensein von Totholz oder die Entwicklung von Setzlingen sind leicht durch entsprechende Bilderfolgen vergleichbar. Für die Forstwirtschaft ergeben sich Rückschlüsse, die den Erfolg des eigenen Handelns beleuchten. Nachhaltigkeit lautet der Leitspruch. Legt man mit diesem Wissen aktuelle Werke des Rock´n´Roll schablonenartig aufeinander, so werden jene durch allerlei externe Faktoren bedingt. Auch die US-Amerikaner um Baroness müssen mit der allmählichen Abkehr vom über Jahrzehnte erfolgreichsten Musikgenre wirtschaften. Der bandeigene Werdegang wies auf kommerzieller Ebene erfreuliche Entwicklungen auf, keine Frage. Ein schrumpfender Kuchen wird allerdings auf kurz oder lang nicht alle sättigen können.

Progressiver Alternative Metal ist von Natur aus kein Garant für stimmungsgeladene Feste. Vielmehr erwartet man hochqualitative, kreative Arrangements, welche den Bogen zwischen kulturellem Hochgenuss und dem Urgeist des Rock´n´Roll schlagen. Diese Kerbe bedienen Songs wie „Throw Me An Anchor“ und „Pale Sun“ mit Bedacht. Baroness manövrieren zwischen den Queens Of The Stone Age und Wolfmother, ohne dabei abkupfernd zu erscheinen. Die vorab angekündigte Abkehr vom linearen Songwriting erkennt man in den gezielt platzierten Disharmonien. „Crooked Mile“ und unterschiedliche Interludes unterbrechen immer wieder den Hörfluss und bieten Verschnaufpausen. Für die einen mag es störend wirken, für die anderen handelt es sich um jene Verspieltheit, welche die wahre Liebe zur Kunst repräsentiert.

Von insgesamt 17 Tracks können sich andere Künstler eine Scheibe abschneiden. In der Quantität weiß „Gold & Grey“ durchaus zu überzeugen. Qualitativ entsteht der Eindruck, dass das ein oder andere Lied auch mit geringerer Spielzeit ausgekommen wäre. So ist „Tourniquet“ zunächst ein würdiger Nachfahre der Kunst der 1960er-Jahre. In guter Gesellschaft von Creedence Clearwater Revival und einer Prise Lagerfeuerromantik etabliert sich ein durchaus respektables Werk. Dennoch: Die Aufmerksamkeit des Hörers über 6 Minuten zu konservieren bleibt nun einmal ein Kunststück. Ein Kunststück, das auch auf den kürzer geratenen „Broken Halo“ oder „I´d Do Anything“ (weniger Kitsch als bei Meat Loaf) nicht recht gelingen mag.

Überzeugender schlagen sich das psychedelisch verträumte „I´m Alreay Gone“ oder das mit unerwarteten Elementen gespickte „Emmett - Radiating Light“. Glockenspiele im Kosmos Rock sind eine Seltenheit, sieht man mal von AC/DCs Höllenglocken ab. Mit „Front Toward Enemy“ und „Seasons 1“ unterbricht kraftstrotzendes Riffing die vorherrschende Abstrusität zugunsten einer zielgerichteten Eingängigkeit. Kann man so machen. Doch ausgerechnet die ruhigen Töne, fernab der musikalischen Grundausrichtung, machen das Highlight von „Gold & Grey“ aus. „Cold Blooded-Angels“ findet zwar ebenfalls kein Ende, doch lässt es dabei keine Langeweile aufkommen. Ein angehendes Epos, welches hinter jeder Ecke mit einer neuen Nuance aufwartet. Mit „Borderlines“ machen Baroness jeder Mauerblüte Hoffnung. Anfänglich unscheinbar, mausert sich der Track zu einem ernstgemeinten Favoriten. Wenig tanzbar, dafür unbedingt hörbar.

„Gold & Grey“ kann man nicht aus dem tagesaktuellen Kontext reißen. Für sich genommen ist das alles ganz solide. Im Rahmen dieses Biomonitorings bleibt aber festzustellen, dass die externen Rahmenbedingungen derzeit wenig Hoffnung auf einen kometenhaften Durchbruch machen. Zu diesem Zweck müsste man sich schon sehr deutlich von der „Konkurrenz“ abheben. Doch hierfür mag es zu wenig anarchische Härte für Metalheads sein, zu wenig Roughness für bodenständige Rocker und zu wenig Partyfaktor für das hiesige Festivalvolk. Wer also ist die originäre Zielgruppe? Aus der zweifellos ambitionierten Arbeit resultiert zu wenig Ertrag. Die Branche ist nicht immer fair.

Fazit

5.8
Wertung

Ich gebe zu, dass Baroness keineswegs mein Lieblingsgenre bedienen. Aber sie bieten interessante Einblicke in eine vielfältige Musikrichtung und tasten sorgsam die Grenzen des Machbaren ab. Eine Chance sollte man „Gold & Grey“ geben.

Marco Kampe