Auf „Somewhere Else“ zeigen sich Miss Vincent rundum geschmeidig

Mit „Somewhere Else“ schicken Miss Vincent bereits ihre dritte EP ins Rennen. Im Gepäck haben die vier Briten melodiösen und emotionalen Punkrock, der rundum stimmig ist. Zu stimmig?
Miss Vincent Somewhere Else Cover

Anders als man beim Bandnamen vielleicht vermuten würde, stecken hinter Miss Vincent vier Jungs aus Southampton. Nach „Creepy“ und „Reasons Not to Sleep“ folgt nun mit „Somewhere Else“ der dritte Extended Player der Briten, der ganz nach der Devise „Magst Du einen Song, magst Du alle“ funktioniert. Was spontan nach Berechenbarkeit und Langeweile klingt, meint hier allerdings das gelungene und absolut stimmige Gesamtkonzept der EP. Garniert ist das Ganze mit einem gewissen Wiedererkennungswert, dessen Existenz ich innerhalb der sehr melodiösen Auswüchse des Punkrocks bisher stark angezweifelt habe. Sänger Alex Marshall ist an dieser Horizonterweiterung nicht ganz unschuldig.

Der Opener „Cold Hands“ und sein Nachfolger „The Lovers“ schubsen den Hörer zwischen Herzschmerz und viel Gefühl sanft in die EP mit melodiösem und locker leichtem Punkrock ohne hörbare Ecken und Kanten. Böse Zungen könnten es auch als Pop-Punk bezeichnen. Letztlich ist es aber egal, wie man den Sound etikettiert. Fest steht einfach, dass Miss Vincent mich nach wenigen Sekunden gepackt haben.

Bei „Lost and Forgotten“ wird es musikalisch ein wenig schwerer. Gitarren und Vocals donnern tiefer und leiten dabei geschmeidig in die einzige Ballade der EP. An dieser Stelle zeigt sich nämlich, wie alle Songs ganz ebenmäßig ineinander greifen und diesen schönen Klangfluss erzeugen, der ausnahmsweise einmal nicht von der Ballade gebremst wird. „Beauty in Darkness“ kommt die erste Hälfte nämlich ausschließlich mit leisen Tönen aus. Hinten raus wird es dann zwar wieder lauter, aber nicht weniger gefühlvoll – besonders stimmlich.

Sänger Alex Marshall ist derjenige, der große Teile der EP fast schon im Alleingang trägt. Instrumental klingen die Briten sehr glatt - für den Punkrock, den sie sich auf die Fahne schreiben, schon zu glatt. Ein bisschen weniger Komfortzone und dafür mehr Risiko stünden den Vier gar nicht schlecht. Entsprechend gut tut die vielseitige Stimme dem Bandsound. In „Beauty in Darkness“ zu Beginn sehr leise und rau, erinnert Alex in den langen Tönen an Volbeats Sänger Michael Schøn Poulsen.

„The Western Shore“ als Rausschmeißer bringt noch einmal alles zusammen, was „Somewhere Else in seiner Gänze ausmacht: Geschmeidig eingängiger Sound, leise und laute Töne und vor allem das gewisse Etwas Miss Vincent.

Fazit

7.7
Wertung

Der erste melodiöse, englischsprachige Punkrock, der es mir angetan hat. Ein paar mehr Ecken und Kanten täten dem Quartett zwar gut, aber trotz oder gerade wegen des runden Konzepts überzeugt die EP auf weiter Linie. Schluss also mit den EPs, es wird Zeit für ein Album!

Miriam Rhein