Anorak und “Sleep Well”: Zwischen Tagträumerei und Aggression

Knapp drei Jahre sind seit Anoraks Albumdebüt “Enthusiasts And Collectors” vergangen. Auf ihrer neuen Platte präsentieren die Uncle-M-Schützlinge aus Köln durchweg starke Instrumentierung mit krächzenden Vocals - und begeben sich dabei auf eine Gratwanderung zwischen Genie und Kitsch.
Anorak Sleep Well Cover

Auf “Sleep Well” tauchen Anorak weiter in ihren Stilmix aus Indie-Gitarren und Screamo-Gesang ein. Damit ist die neue Scheibe keine Neuerfindung, aber doch eine Weiterentwicklung. Ein Wechselspiel aus nachdenklichen Melodien und eskalativen Effektgewittern zieht sich durch “Sleep Well” wie ein bipolarer Faden, der mal rot vor Wut und mal blass vor Trauer ist. Die aus tiefstem Herzen geschmetterten Lyrics malen dabei ein Bild aus Wut, Melancholie und Rastlosigkeit. Seine stärksten Momente hat “Sleep Well” allerdings in seinen ruhigeren Phasen.

In der gelungenen Instrumentierung muss man vor allem die Rhythmus-Sektion loben. Drums und Bass spielen sich wunderbar gegenseitig in die Karten und konstruieren ein atmosphärisches Soundbett, auf dem die Gitarren völlig freidrehen können. Und hier findet sich auch schon das nächste Highlight des Albums: Die Gitarren wissen ganz genau, an welchen Stellen sie eskalieren müssen, und an welchen sie sich besser etwas zurückhalten. Und wenn auf “Sleep Well” eskaliert wird, dann richtig. Frei nach dem Motto “mehr Reverb geht immer” schwingen sich die Gitarren zu turmhohen Effektkonstrukten auf und geben so dem Gesang den Kickstart, nur um dann im nächsten Moment wieder eine melancholische Melodie anzustimmen und den entschleunigenden Drums und warmen Bass-Klängen die Bühne zu überlassen. Immer wieder fühlt man sich an Genre-Größen wie Heisskalt erinnert, wie zum Beispiel im Song “Caffeine”, dessen Intro so oder so ähnlich auch auf “Idylle” zu finden sein könnte. Und auch an andere Stelle bekennen sich Anorak - ob absichtlich oder unbewusst - zu ihren Einflüssen. So klingt “An Imprint Of A Pigeon Which Flew…” stellenweise verdächtig nach Songs wie “Disarm” von den Smashing Pumpkins.

Auch die Vorab-Single “Red Flower” macht mit verspielten Schlagzeug- und Bass-Passagen Lust auf mehr und bietet einen guten Vorgeschmack auf “Sleep Well”. Gesanglich macht die Platte wenig anders als der Vorgänger, ein Wechsel zwischen leicht nasalen Clean-Vocals, die mit ihren manchmal falsch betonten Wörtern ein wenig an die frühen Werke der Donots erinnern, und aggressiven Screamo-Passagen à la Oli Sykes. Gerade die sind zu Anfang gewöhnungsbedürftig, da sie den Texten oft einen etwas zu dramatischen Touch verleihen. Und dann ist da noch “The Sun” – ein Song, auf dem sich dann leider doch ein paar Schwächen der Platte offenbaren. Wenn eine deutsche Band englische Texte schreibt, dann ist da immer dieses Restrisiko, dass die Lyrics doch etwas zu cheesy werden. Bei Zeilen wie “Everything is better in the sun, in the sunshine it’s all gone” kommt die Frage auf, ob es sich hierbei jetzt um Pseudo-Emotionalität oder doch um eine Studie über die Auswirkungen von Vitamin D auf das menschliche Gemüt handelt. Solche Überdosierungen bleiben allerdings die Ausnahme. Zum Finale des Albums gibt es noch einmal die geballte Ladung Melancholie, inklusive Akustikgitarre und Mundharmonika. Anorak arbeiten diesen Cut allerdings stimmig in den Song ein, weshalb das Ganze dann doch erstaunlich gut funktioniert.

Fazit

6.9
Wertung

Anorak bleiben auf “Sleep Well” ihrem Sound treu und schaffen es gleichzeitig, die Nuancen der verschiedenen Genres stimmig in Szene zu setzen. “Sleep Well” glänzt dabei vor allem durch das Wechselspiel aus brachialem Post-Hardcore und melancholischen Indie-Gitarren. Instrumentell ein sehr gelungenes Album, mich persönlich stören die Screamo-Einschläge des Gesangs aber dann doch etwas.

Kai Weingärtner