The Amity Affliction und "Everyone Loves You Once You Leave Them"

Die Australier von Amity Affliction standen schon immer auf der softeren Seite des Melodic-Hardcores. Spätestens mit diesem Album muss man sich aber fragen: „Ist das noch Metal oder schon Pop?“
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Mit ihrem neusten Album folgt die Truppe dem Trend vieler aktueller Bands, die eigentlich in der Alternative-/Metal-Richtung angesiedelt sind, aber mittlerweile Pop-Musik produzieren. Ganz so schlimm wie bei Fall Out Boy oder All Time Low wird’s dann zum Glück nicht, eher drängt sich der Vergleich zu Bring Me The Horizon auf. Diese haben allerdings durch die konsequent mutigen und innovativen drei letzten Alben an Respekt gewonnen. "Everyone Loves You… Once You Leave Them" hingegen wirkt wie Musik, die es so schon seit 10 Jahren gibt, aber jetzt einfach poppiger gemacht wurde.

Alle der elf Tracks wirken dabei überproduziert bis zum geht nicht mehr. Häufig rutscht dadurch das Songwriting schon ins Lächerliche. Kriminell klischeehaft ist zum Beispiel der Song „Just Like Me“, der alle Register zieht, um für eine Pop-Nummer gehalten zu werden. Von einem Pfeif-Intro, Mitsingteil über Geschnipse ist alles dabei. Hauptangeklagter ist aber der Track „Aloneliness“. Ein Song, der auch so für jeden Top-10-Chart-Artist geschrieben worden sein konnte (und ebenfalls seinen Mit-Schnips-Teil hat).

Ein poppiges Album zu schreiben ist natürlich kein Verbrechen, allerdings ließ die Band, welche aktuell noch mit Beartooth auf Tour sind, vorher verlauten, dass sie mit "Everyone Loves You… Once You Leave Them" „zurück zu ihrer ursprünglichen Gitarrenarbeit“ und „härtere Tendenzen“ gehe. Das wiederum ist ein klarer Fall von Vortäuschung falscher Tatsachen.

Mildernde Umstände sind sicherlich die wenigen Songs, die die Gratwanderung zwischen catchy und peinlich meistern. Zu nennen wäre da der Song "All My Friends Are Dead", welcher mit solidem Breakdown ausgestattet ist oder "Catatonia", welcher konsequent hart bleibt. Das Album wird also sicherlich seine Fans finden, ist aber nicht für jeden Geschmack. Auch verdient es sich eine Bewährungsprobe durch die lyrische Thematik. Sänger Joel Birch spricht über seine bipolare Depression, verarbeitet den Selbstmord eines Freundes und spricht andere Bereiche an, die für manche noch Tabu-Themen sind.

Fazit

5.9
Wertung

"Everyone Loves You… Once You Leave Them" hat sicherlich seine wenigen Momente. Im Großen und Ganzen ist es aber einfach Pop-Musik für Menschen, die mit Metal aufgewachsen sind.

Niels Baumgarten
7.2
Wertung

„E pluribus unum" – der Leitspruch, der vielerorts maximal symbolische Aussagekraft innehat, trifft hier voll ins Schwarze. The Amity Affliction haben an jeder erdenklichen Wendung ein liebevoll kreiertes Schmankerl platziert und nehmen die Gehörgänge unerbittlich in Geiselhaft. Der Popfaktor übersteigt noch jenen des vieldiskutierten „So What?“ (While She Sleeps), wird aber postwendend auch unter schelmischem Grinsen von Nackenbrechern der Güteklasse „Born To Lose“ zertrümmert. Nur elf Songs? Das macht Lust auf mehr.

Marco Kampe