Alexis Marshall und “House of Lull. House of When”: Tremor

Wenn man erfährt, dass ein Album komplett improvisiert ist und alle dafür benötigten Instrumente entweder kaputt oder aus dem Baumarkt sind, ist das entweder ein sehr gutes oder ein sehr schlechtes Zeichen. Auf welcher Seite landet die Münze von “House of Lull. House of When”?
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Alexis Marshall ist vor allem bekannt (und berüchtigt) für seine selbstzerstörerischen Live-Performances. Der Frontmann der Avantgarde-Noise-Heroen Daughters verließ die Bühne regelmäßig mit blutiger Stirn, kaputtgebissenem Mikro, vollgespuckter Kleidung und einem sehr sehr verstörten Publikum. Für sein Solo-Debüt hat der Sänger nun die bereits nur sporadisch vorhandenen strukturellen Stützen der Daughters-Platten einstürzen lassen und aus den Trümmern “House of Lull. House of When” geschaffen. Beim ersten Hördurchlauf fühlt man sich als Daughters-Fan trotzdem abgeholt. Die Drums sind noch hektischer und präsenter als bei den Songs der Band, Marshalls charakteristischer Gesang irgendwo zwischen Spoken Word und Exorzismus erzeugt ein unbeschreibliches Unwohlsein. Das wird vor allem durch die fehlende Struktur der Platte noch verstärkt. Ein Song wird meist getragen von einem rudimentären Drumpart, einer zerbrechlichen Pianoline oder einem von Marshalls kryptischen Mantras.

“House of Lull. House of When” beherrscht das Spiel mit der Dynamik wie kaum ein anderes Album. Marshall wechselt von introspektiv gemurmelten Satzbausteinen zu markerschütternden Schreien, die die Hörer:innen in eine Art akustische Fegefeuer versetzen. Durch das fehlen klarer Songstrukturen und dem unmissverständlichen Fokus auf Atmosphäre wirkt die Platte eher wie der Score zu einem sehr verstörenden David-Lynch-Film. Ein Song ist oft eher ein Thema innerhalb des großen Ganzen der Platte und weniger eine für sich stehende Einheit. Da Marshall teilweise die gleichen Lyrics in verschiedenen Songs unterbringt und auch verschiedene musikalische Elemente in der ein oder anderen Form vermehrt auf dem Album auftauchen, verschwimmen die einzelnen Songs mit der Zeit mehr und mehr.

Lyrisch ist “House of Lull. House of When” eine tiefgreifende Selbstreflektion Marshalls über das eigene Sein, vor allem das Altern und die vergangene Jugend. Dass der Sänger es bis in seine Vierziger geschafft hat, ist nicht nur an für sich schon ein kleines Wunder, sondern auch in großen Teilen dem Katalysator seiner Musik zu verdanken. Entsprechend erschütternd sind Lyrics und Gesang auf der Platte. Dass Marshall kürzlich Vater geworden ist, hat ihn offensichtlich keineswegs altersmilde gemacht, sondern eher dazu beigetragen, seine eigenen Unsicherheiten noch ungeschönter zu Papier zu bringen. Schicht für Schicht pellt “House of Lull. House of When” die schützenden Hüllen weg, bis das Nervenkostüm des Künstlers wie auch des Publikums blank liegt und sich intime Einblicke in Marshalls Gefühlswelt offenbaren, die mindestens genauso chaotisch sind wie die Musik des Albums.

Fazit

8
Wertung

Alexis Marshall ist der Tonnentaucher der Musikindustrie. Aus Dingen, die andere Leute missbilligend wegschmeißen oder links liegen lassen, macht er ein Album, das mit konventionellen Methoden und Instrumenten so überhaupt nicht möglich gewesen wäre.

Kai Weingärtner
7.4
Wertung

"House of Lull. House of When" ist eine schmerzhaft körperliche Erfahrung. Das ist selten schön, aber extrem beeindruckend.

Steffen Schindler