8kids und „Blūten“: Lied vom Scheitern

Die gute Nachricht zuerst: Auf ihrem zweiten Album begnügen sich 8kids nicht mit dem Weg des geringsten Widerstands. Das Problem: Den selbstgesetzten Idealen ist das Trio nicht gewachsen.
8kids Blūten Cover

Als die Darmstädter 8kids vor drei Jahren ihre Debüt-EP „Dämonen“ veröffentlichten und damit gleich einen Deal beim Metallabel-Primus Nuclear Blast landeten, schien die Vision der jungen Band noch relativ klar geformt zu sein. Pop und Post-Hardcore fungierten als musikalische Symbiose, die gleichsam brachial wie eingängig Fans von zeitgenössischen Szene-Trends wie Fjørt oder The Tidal Sleep beglückte. Zwischen all den recht unaufgeregt im Zeichen ihrer Vorbilder agierenden Folgebands wie Mahlstrom oder Kind Kaputt waren 8kids stets die Genre-Variante für den größten gemeinsamen Nenner: eine Band, die mit ihren schön frisierten Screamo-Akten weder Mainstreamern noch Indie-Nerds zu sehr wehtat und dadurch gleichzeitig beide Pole an den jeweils anderen heranführte. Dass diese recht geradlinige Struktur nicht viel Platz für konzeptuelle Vergrößerung bieten würde, war schon recht früh abzusehen. Aber immerhin: Auf dem Debütalbum „Denen die wir waren“ klang der Pfad noch nicht ausgetreten.

Mann muss 8kids zugutehalten, dass sie auf „Blūten“ deutlich versuchen, der eigenen Wiederholung entgegenzuwirken. Zwar fungiert der Opener „Kraft“ noch als nahtloser Übergangspunkt vom altbekannten Material, schon das nachfolgende „Wir bleiben Kids“ arbeitet aber entgegen der Suggestion im Titel deutlich an alten Stil-Mantras vorbei. Das belegt bereits der Gast-Part des Hamburger Rapper Swiss, der im Kontext des Songs nicht als isolierter Fremdkörper daherkommt, sondern von der Band musikalisch mit deutlichen Hip-Hop-Bezügen umrahmt wird. War man schon auf vorherigen Veröffentlichungen versucht, den dauerheiseren Tonus von 8kids-Frontmann Jonas Jakob mit dem Timbre von Casper zu verbinden, so wird diese Relation spätestens hier überdeutlich. Ein flirrend-elektronischer Kopfnicker-Beat, Gangshouts im Refrain und die breitschultrige Produktion lassen wenig Zweifel an der aus „Lang lebe der Tod“ stammenden Inspiration aufkommen. Elemente des aufstampfenden Indie-Raps lassen sich daraufhin immer wieder in „Blūten“ finden, so etwa in „Du gegen Dich“, das in seiner Hook Sprechgesang und Autotune aufeinanderprallen lässt. „Unten am Fluss“ bedient mit melodramatischer Introvertiertheit hingegen die Tumblr-Hip-Hop-Phase eines sechzehnjärigen Teenagers.

Das Problem ist nicht in erster Linie die Existenz dieser Einflüsse, sondern schlicht die Tatsache, dass 8kids offenkundig nicht mit ihnen zurechtkommen. Jakobs Rap-Versuche wirken gestelzt, was besonders dann deutlich wird, wenn ein erfahrener Sprechsänger wie Swiss im direkten Kontrast zu seiner Performance steht. Der Drang nach Neufindung erweist sich als Vater des Gedanken, gestaltet sich im Soundgeflecht der Band aber nicht als organisch. Obendrein gilt dies sogar noch für Songs, in denen Hip-Hop kein markantes Element darstellt. Die satirische Wutbürger-Parodie in „WTF“ scheitert etwa gerade daran, dass das Trio sie nicht in ein entsprechend kontrastierendes Klanggewand setzt, sondern sie ohne mit der Wimper zu zucken in wehklagende Post-Hardcore-Gitarren transferiert, als würde gerade ein Song über den Tod der eigenen Mutter ertönen. Am solidesten klingen die Darmstädter tragischerweise dann, wenn sie sich wie im Opener so konservativ wie möglich verhalten – und dabei war doch gerade dieser bereits beim Debütalbum so klar ausformulierte Sound die tickende Zeitbombe gewesen.

Seinen finalen Niederschlag erhält „Blūten“ inmitten all dieser Ausdehnungsversuche aber dann, wenn 8kids versuchen, alte Prämissen zu maximieren. Hatte „Vis-à-vis“ auf der Vorgängerplatte als Song mit dem maximal epischsten Refrain noch ein klares Highlight dargestellt, erscheinen diesbezügliche Versuche auf dem neuen Album oftmals karikativ-überzogen. Das wirkt schon im pseudo-cineastischen Frauen-Gesangssample in „Dein Zuhause“ etwas albern, führt aber zum Finale der Platte zu einem beinahe tragischen Qualitätsverlust. Zu seiner Eröffnung hat „Ich gehöre dir nicht“ nämlich noch das Potential, zum Gipfel des Albums zu werden. Die lyrische Erzählung aus der Sicht einer Frau, die häusliche Gewalt erfährt, ist tatsächlich packend und wird von der Band mit einem wuchtigen Schmerzensschrei eindrücklich vermittelt. Doch als 8kids die Protagonistin ihren betrunken auf der Couch liegenden Partner schließlich mithilfe eines aufgedrehten Gashahns umbringen lassen, tauscht der Song Glaubwürdigkeit und Empathiegefühl gegen einen billigen Schockeffekt ein. Ein Sinnbild für das Zerbrechen von „Blūten“ an den Ansprüchen seiner Urheber: Erzwungene Emotion wirkt ebenso wenig wie ungelenke Ausflüge in andere Genres. Das kann es nicht sein.

Fazit

3.8
Wertung

Zugegeben: Ich hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass 8kids mich mit ihrer zweiten Platte überraschen würden. Das Ergebnis ist deutlich weniger konservativ als gedacht, offenbart in seinen Neuerungen aber zu viele Schwächen, um selbige wirklich zu rechtfertigen. Schade – eigentlich war diese Band in der aktuell sehr breit aufgestellten deutschen Post-Hardcore-Szene immer eine angenehme Ergänzung gewesen.

Jakob Uhlig
4.4
Wertung

Bestürzung trifft es wohl am ehesten. Nach den beiden hervorragenden Vorgängern ist "Blüten" eine Enttäuschung. Auch die wenigen Lichtblicke können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die 8kids hier in so ziemlich jedem Aspekt schwächer sind. Besonders die Parts, die klingen wie von Swiss übernommen, sorgen bei mir für ungute Irritationen.

Moritz Zelkowicz