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Strawberry 3000 und „second chances“: Vaporwave für ruhige Momente

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So, 01.07.2018 - 15:20
Stellt euch vor, ihr findet auf dem Dachboden eine alte Kassette und tut sie in euren Kassettenspieler, dessen Batterie schon schwach ist. Dazu flimmern alte Filmaufnahmen ohne Ton über eine Leinwand und all die Erinnerungen erwachen. So klingt „second chances“.

Strawberry 3000 zählt sicherlich zu den aktivsten Künstlern im Vaporwave. Allein 2018 wurden unter diesem Namen bereits drei Alben veröffentlicht. Immer wieder gelingt es ihm, ein nostalgisches Gefühl mit geschickter Effektarbeit und Schnittkunst zu erzeugen, welches sich über gesamte Album zieht. Die neuste Veröffentlichung „second chances“ bildet da keine Ausnahme und klingt so, wie es der Name vermuten lässt. Die Stimmung liegt irgendwo zwischen Trauer und Hoffnung. Das Album klingt nach der klischeehaften Berührung eines alten Fotos oder ein wenig so wie die Dachbodenszene in „Schöne Bescherung“, in der Clark Grisworld die alten Filmbänder findet und unter Freudentränen ansieht, während „Spirit Of Christmas“ von Ray Charles im Hintergrund läuft.

Musikalisch bietet Strawberry 3000 hier erneut Vaporwave auf hohem Niveau an, ohne jedoch die bekannten Pfade zu verlassen. Berühmte und weniger berühmte Songs aus der Vergangenheit werden zurechtgeschnitten, geloopt und mit Hall, Echo und Phaser beladen. Auch wenn diese Formel nicht all zu kompliziert klingt, gehört dennoch sehr viel Feingefühl dazu, die Übergänge nicht stockend klingen zu lassen und die Musik nicht im Soundbrei verschwinden zu lassen. Diese Kunst ist auch, die Vaporwave ausmacht und aus alten Songs völlig neue Emotionen hervorlockt. Ist der Opener „love me tonight“ noch eine schnellere Future-Funk-Version von Toshiki Kadomatsus „If You…“ aus dem Jahr 1984, welche zum Tanzen einlädt, ist der Rest des Albums deutlich ruhiger.

Besonders begeistert „turn around“, in welchem „Angelia“ von Richard Marx verwendet wurde. Der Chorus des Songs wurde geloopt und durch das Senken der Tonhöhe und der Geschwindigkeit erzeugt die Musik noch mehr Melancholie, als das Original es schon tat. Dieser Song hört sich wie die grobkörnige und in Sepiatönen gehaltene Erinnerung an die erste große Liebe an. Hier zeigt sich auch die Stärke des Albums. Mit Kopfhörern und ohne Ablenkung entführt „second chances“ die Hörenden unwillkürlich in die eigene Vergangenheit.

Strawberry 3000 macht erneut sehr guten „Standard-Vaporwave“ (wenn es so etwas gibt) und bringt nicht wirklich Neuerungen im Vergleich zu seinen Vorgängeralben. Und doch vermittelt „Second Chances“ ein ganz eigenes Gefühl, welches begeistert. Diese latente Sehnsucht zur „guten alten Zeit“, als alles noch ein wenig leichter erschien und die Liebe noch alle Probleme zu lösen schien, schwingt durch das gesamte Werk mit. Lässt man sich darauf ein und gibt dem Album Zeit, erhält man ein wunderschönes Hörerlebnis mit Nostalgie-Faktor.