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Shinedown und „Attention Attention“: Umgekehrter Reifungsprozess?

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Mo, 07.05.2018 - 16:05
Wo endet verspieltes Austesten und wo beginnt reife Weiterentwicklung? Eine Frage, die Shinedown auf ihrem nunmehr siebten Studioalbum „Attention Attention“ aufwerfen.

In den letzten Jahren gab es in der zweiten Reihe der US-Amerikanischen Hard Rock Größen zwei herausragende Interpreten: Theory Of A Deadman und Shinedown. Während sich erstere im letzten Jahr mit „Wake Up Call“ so etwas wie einen künstlerischen Aderlass zufügten, gehen Shinedown schon deutlich langsamer zu Werke.

Es werden neue Wege beschritten, man probiert sich aus und findet doch wieder zu einem Konsens zurück. „Devil“ streckt als Vorabsingle schon mal den großen Zeh in das kalte Wasser. Neben krachenden Riffs und Drums gibt es längere Breaks. Die Vocals werden, beinahe abwartend, mit leichten Effekten belegt. Es scheint, als wolle man nicht nur sich selbst vorsichtig ausprobieren, sondern auch die Hörerschaft behutsam auf den ungewohnten Sound vorbereiten. „Black Soul“ hat nicht nur Effekte auf der Stimme, sondern beinhaltet auch Auto Tune, elektronische Beats und Synthesizer, wenn nicht gerade die altbekannten Klänge von Gitarren, Bass und Drums dröhnen dürfen. Hoppla!? Diesmal sind die neuen Klänge nicht subtil versteckt, fügen sich aber dennoch gut in das Gesamtensemble ein.

 „Attention Attention“ ist dann aufgebaut wie - es fällt schwer, das zu sagen - ein Alligatoah-Song. Die gerappte Strophe, dann die melodische Hook, bis hin zur Begleitung: das könnte alles genau so auf einem Alligatoah-Album sein, nur dass der Text bei ihm wohl witziger und zynischer wäre. Auch „Kill Your Conscience“ hätte auf eine andere Platte besser gepasst. Die Indierocker von Island haben bestimmt schon nachgefragt und hätten gerne ihren Sound zurück. Der klingt definitiv nicht schlecht, wirkt hier aber eher fehl am Platz.

Es stellt sich die Frage, ob sich Shinedown bewusst gegen eine Weiterentwicklung entschieden haben. Was ist schlecht daran, zu reifen und erwachsen zu werden? Absolut gar nichts. Dennoch sperrt sich der Sound dieser Platte vehement davor und klingt eher nach Ausprobieren, wie man es aus Frühphasen von Bands kennt. (Wobei heutzutage auch jungen Bands dieses Experimentieren nur selten gestattet wird, das ist allerdings eine ganz andere Geschichte.) Doch während man bis zu diesem Punkt des Albums noch vom Ausprobieren sprechen konnte, steht bereits ein wahrer Tiefpunkt bevor. „Get Up“ klingt auf dem Album so unwirklich, man könnte es für einen Scherz halten. Bei leisem Piano singt sich Brent Smith ein, dann kommt er, dieser ekelerregende Beat - inklusive Clapping-Line - der so sehr für all das steht, was in diesem Business falsch läuft, nicht zuletzt, wofür man Nickelback hasst. Diese Radio-Attitüde, die geradezu darum bettelt, in landesweiten Radiostationen gespielt zu werden, damit diese auch etwas aus dem Genre Hard Rock, schlimmer noch, Metal ankündigen können. Man möchte auf die Knie fallen und „Wieso?!“ in den Himmel brüllen.

Dem setzen Shinedown noch die Krone auf, indem sie auf „Get Up“ die langersehnte Ballade der Platte mit dem Namen „Special“ folgen lassen. Smiths Stimme klingt, als sei sie für Balladen gemacht und so ist auch diese wieder überaus geglückt. Allerdings ist der Text, angesichts des Trauerspiels im Track zuvor, beinahe köstlich zynisch. Schade, dass sie die Zeilen

„Stop waiting on your fifteen minutes of fame
Cause you're not special“

nicht auf sich selbst beziehen.

Aber an dieser Stelle muss auch Platz für etwas Positives sein. Denn zwischenKill Your Conscience“ und „Get Up“ liegt genau das, was man erwartet hat und womit die Platte auch begann: Eine Band, die etwas Neues wagt, sich ausprobiert und zuweilen auch ein wenig verspielt daherkommt. Dass sie das versuchen, kann man als Fan von Shinedown natürlich total Scheiße finden, aber man kann ihnen dafür auch Respekt zollen. Die Geschmäcker sind zwar verschieden, sicher ist jedoch, dass in diesen Stücken noch etwas Besonderes steckt, man könnte es Seele nennen.

Shinedown durchlaufen gerade eine Phase, die scheinbar einige Bands im Laufe der Zeit zu bewältigen haben und werfen somit die wichtige Frage auf: Will man die sichere Schiene fahren, will man ausbrechen oder sogar den Durchbruch wagen? „Attention Attention“ ist dann wohl so etwas wie ein radikaler Zwischenweg.