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Pabst und „Chlorine“: Ich tu dir weh

Mo, 09.07.2018 - 11:33
Auf ihren Konzerten drehen Pabst gerne mal an der Schmerzgrenze des Verstärkers. Ein Debüt wie „Chlorine“ zeigt aber, dass hinter den Berlinern mehr als nur blinde Noise-Eskalation steckt.

Dabei ist gleich der Opener in dieser Hinsicht eine absolute Machtdemonstration. „Vagabondage“ setzt mit vorsichtiger Lounge-Musik ein, nur um urplötzlich von arhythmisch einsetzender Gewalt-Gitarre übermannt zu werden. Dass Pabst nichts für schwache Nerven sind, hatten bereits die fünf dröhnenden Soundungetüme ihrer „Skinwalker“-EP unter Beweis gestellt, „Chlorine“ zieht diesen Grundansatz aber noch ins Äußerste und denkt in jeder Hinsicht größer, weiter und vielfältiger. Dahingehend wirkt der drastische Eröffnungsmoment beinahe wie eine Warnung, die sich wie der „Parental Advisory“-Sticker auf Albumcovern verhält: Besonders prüde Menschen mag er abschrecken, Rebellen lockt er aber gerade erst an.

Beim Durchdringen des verwirrenden „Chlorine“-Dickichts helfen vor allem die konstanten Elemente der Platte, die wie ein roter Faden als Notnagel im Nebel der Verwirrung dienen. Der schnurrende Klang der fast durchgängig auf Anschlag gedrehten Fuzz-Effekte zieht sich dabei ebenso als kontinuierliche Komponente durch das Album wie Erik Heises nüchternes Stimm-Timbre. Abseits davon zeichnen sich Pabst aber vor allem durch diejenigen Stil-Varianten aus, die als einzelne Abschnitte für sich stehen. Und davon gibt es eine ganze Menge. Während „Shake The Disease“ wie Nirvana auf einem bösen Acid-Trip klingt, „Summer Never Came“ inmitten seiner noisigen Fassade mit Handclap-Beats eben doch sommerlich-poppigen Flair vermuten lässt und „Shits“ funkige Strophen mit einem Royal-Blood-Refrain kontrastiert, holt „Waiting Loop“ ebenjene Lounge-Line zurück, die sich im Opener noch so rasant verflüchtigt hatte.

Das Ganze ist nicht nur wegen seines übersteuerten Klangkostüms nicht leicht zu fressen. Auf „Chlorine“ fordern Pabst ihre Hörerschaft mit jeder Note. Denn während eine Struktur die nächste überholt, Stile immer und immer wieder durchbrochen werden und die Band eine Grenze nach der nächsten ausreizt, entflieht das Debüt des Trios zunehmend restriktiven Konventionen. Das führt innerhalb einzelner Songs nicht immer zu isolierten Meisterstücken, funktioniert aber vor allem als niemals stillstehendes und schwer zu definierendes Gesamtkunstwerk abseits jeglicher Schubladen. Die psychedelisch-dumpfe Note des sehr passend betitelten Closers „Under Water“ setzt einen berauschenden Schlusspunkt, der in seiner Bildhaftigkeit kaum passender sein könnte. „Chlorine“ ist der unbequeme Soundtrack zur schnelllebigen Bestandsaufnahme unserer Existenz, den niemand haben möchte, den aber doch jeder schließlich als Teil seines Daseins aufsaugt und akzeptiert.