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Kora Winter und "Welk" - musikgewordene Schmerzbewältigung

So, 23.04.2017 - 13:29
KORA WINTER haben verstanden, dass Gegensätze sich nicht widersprechen müssen. Auf ihrer EP „Welk“ setzen die Berliner mit dieser Erkenntnis zu Großtaten an.

Schmerz ist ein vielschichtiges Gefühl. Die unterschiedlichsten Ereignisse können uns verletzen, uns in verzehrende Trauer, eisige Stille oder lodernde Wut versetzen. Kora Winter kanalisieren diesen chaotischen Gemütszustand auf ihrer neuen EP in Musik. Dabei haben sie den besten Weg zum Ausbruch in der Dissonanz gefunden. Kein Klang der Welt vermag Verwirrtheit, Weltschmerz und Verrat besser ausdrücken als das urplötzlich hereindonnernde, schräg kreischende Mathcore-Riff im Opener „Bluten“. „Tausende Worte/ Kein einziger Satz/ Nichts ergibt mehr Sinn“ schließt Frontmann Hakan Halaç verbittert und resümiert damit den Konsens eines Werks, dass die Hoffnung aufgegeben hat.

Dabei könnte die Titelreihenfolge „Bluten“, „Stiche“ und „Narben“ zunächst suggerieren, dass auch die tiefsten Wunden schlussendlich genäht werden können. Doch der Lichtblick vergeht schnell, wenn die scheinbare Heilung zu mantraesk repetierten Messerstichen umgedeutet wird. Verächtlich keifende Orkane aus ächzenden Gitarren verdunkeln den Schimmer Schlag für Schlag immer mehr. Momenten zum Atmen wird Platz gelassen, nur um sie nach kurzer Zeit mit aller Gewalt wieder zu erdrücken. Alles an dieser Musik erscheint so brutal und herzzerreißend, und klingt dabei doch erschütternd logisch. So logisch, dass die Songs der Band Platz für atemberaubende Experimente lassen. Der Wechsel von cleanen Vocals zu giftig-verruchten Shouts klingt dabei genauso natürlich wie der Einsatz eines Jazz-Saxophon-Solos. Man mag kaum glauben, wie nahtlos sich diese so weit entfernte Musik in bedrohliche Hardcore-Riffs einfügt. Dass das funktioniert, beweist die beeindruckende Fertigkeit dieser jungen Band.

Und dann ist da noch der dritte Track, der schon durch die bloße Betitelung mit dem Unendlichkeitszeichen aus der Reihe fällt. Mit klangvoll verhallender Stimme erzählt die Sängerin Lisa Toh die Geschichte eines blinden Mädchens, dass schlussendlich den Tod findet. Doch anstatt wie in der ursprünglichen Version des Liedes „Es war einmal ein Fischer“ mit einem hoffnungsvollen Resümee zu enden, verwandeln Kora Winter das Fazit der Ballade in einen erschütternden Kontrapunkt. Die finale Zeile „Auf Erden war’s so dunkel/ Nun ist mir ewig Licht“ wird auf der letzten Silbe von der Band mit einer so tief-düsteren Gitarre erschlagen, dass sich jedwede Spekulation wie pure Narretei anfühlt. Es ist der emotionale Gipfel eines Werks, das jedes Licht im Keim erstickt und dabei trotzdem in jeder Sekunde so beeindruckend vielfältig, komplex und spannend ist. Kora Winter veranstalten auf vier Tracks mehr als manche Bands auf einem gesamten Album. Die Freude an diesem Werk könnte grenzenlos sein – wenn die Worte „Die Hoffnung stirbt zuletzt/ Doch vorher stirbst du“ nicht so gnadenlos niederschmetternd wären.