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Feine Sahne Fischfilet und „Sturm und Dreck“: Unveränderter Kurs

Mi, 10.01.2018 - 23:42
Feine Sahne Fischfilet haben den waghalsigen Versuch unternommen, große Emotionen, Eskalation, Widerstand und Zusammenhalt auf eine Platte zu pressen und präsentieren: Sturm und Dreck.

Sie haben es geschafft: Support der Broilers, Beatsteaks und Toten Hosen, Festivalgrößen wie Fusion und Rock am Ring geknackt, erfolgreiche Headliner-Touren abgerissen, Organisation des Wasted in Jarmen-Festivals, jede Menge Presse (Verfassungsschutz sei Dank), eine Chartplatzierung, bereits ausverkaufte Konzerte der anstehenden „Alles auf Rausch“-Tour, eine stetig wachsende, Pfeffi- und Pyro-affine Fangemeinde und nun Studioalbum Nummer 5. Mit der Single-Auskopplung „Alles auf Rausch“ liefern Feine Sahne Fischfilet eine „euphorische Bestandsaufnahme“ ebenjener eigenen Erfolgsgeschichte. Dass die sechsköpfige Formation aus Mecklenburg-Vorpommern stark polarisiert, ist ihnen selbst nicht entgangen und so singen sie vom Wahnsinn ihrer Touren, den berauschten Fans, aber auch vom Hass, der ihnen vor allem aus der rechten Ecke oder von anderen Kleingeistern entgegengebracht wird.

Neben den alkoholgetränkten Exzess-Hymnen thematisiert die Band auf „Sturm und Dreck“ auch die Ernüchterung nach dem Rausch, gesellschaftliche Missstände, Krieg, Flucht, Solidarität, Freundschaft, Familie und was Heimat fernab vom Nationalismus bedeutet. Zuletzt konnten sie mit dem Video zum Song „Zuhause“ ihre Hörerschaft berühren und an die Dringlichkeit einer Welt ohne Grenzen und mehr sozialer Gerechtigkeit erinnern: „Zuhause heißt - wir schützen uns, alle sind gleich. Zuhause heißt - wenn dein Herz nicht mehr so schreit.“

Insgesamt wird die Platte von der unbeugsamen Zuversicht getragen, dass alles doch irgendwie besser wird, solang die Guten nur zusammenhalten. Selbst während der Ballade „Alles anders“, die vom rauen und verletzlichen Gesang und der melodischen Trompete lebt, geht dieser Optimismus nicht verloren, oder wenn Monchi im Titel „Suruç“ vom Zusammenhalt im Angesicht des Terrors singt.

Während Feine Sahne Fischfilet textlich stark aufgestellt sind, ist ihnen musikalisch kein Wunderwerk gelungen. Die Bläser dienen entweder als Unterstützung des Gesangs oder als nettes Füllmaterial. Gitarre und Bass beschränken sich auf die wichtigsten Griffe und das Schlagzeug scheppert, während der Gesang durchweg zum Mitgrölen einlädt. Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil Textteile auffällig oft wiederholt werden, beinahe jeder Track obligatorische Wohooo‘s eines fiktiven Publikums bereithält und der Aufbau der Songs keine großen Überraschungen bereithält, sondern im Wesentlichen immer auf dieselbe Art und Weise funktioniert. Besonders das letzte Drittel der Platte wirkt etwas ermüdend und kann die gezündete Energie des Anfangs nicht aufrechterhalten.

Es ist eben Fluch und Segen zugleich, wenn man als Band eine der besten Live-Shows überhaupt abliefern kann. Punkmusik funktioniert nun einmal am besten im Moshpit mit den besten Freunden, einer ausreichenden Menge Bier und diesem eigentümlichen Gefühl, gemeinsam im Rausch könne man allen Widrigkeiten des Lebens strotzen. Da stellt sich zurecht die Frage, wie das auf Platte im heimischen Wohnzimmer funktionieren soll. Feine Sahne Fischfilet haben versucht, diese Energie auf „Sturm und Dreck“ zu transportieren, geraten jedoch notwendigerweise an ihre Grenzen im Studio. Dass die Band sich dieses Umstands selbst längst bewusst ist, kann man deutlich hören: „Ich kann immer noch nicht sing´, und spiel jetzt bei Rock am Ring. Wenn wir seh´n, dass ihr kotzt, geht es uns gut.“