Betroffene über Corona #3: "Auch wir stellen uns die Frage der Perspektive!"

Corona trifft die Kulturindustrie auf vielfältige Weise und wir fragen Betroffene, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen. Dieses Mal dabei: Tim Vantol, Zwo Eins Risiko, Janosch Holland von Go Down Believing und Long Beach Records, Chris von der Düssel, Koka Koma und Finte.
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Tim Vantol: Diese Situation ist für uns alle unbekannt. Was tut man also? Wir haben darauf nicht wirklich eine Antwort – wir können es nur versuchen. Ich veröffentliche bald ein neues Album. Soll ich es verschieben oder trotzdem veröffentlichen? Nun, da die meisten von uns gerade zuhause feststecken und wahrscheinlich viel Musik hören, warum sollte man da nicht etwas neue Musik veröffentlichen. Vielleicht haben die Menschen dann etwas, worauf sie warten können. Da mein Release für Ende Mai geplant ist, habe ich vorher nicht besonders viel getourt. Aber wer weiß, was als nächstes kommt. Aktuell sind es Live-Streams und Videos. Hoffentlich können wir bald zurück auf die Straße, denn da geht der Spaß erst wirklich los. Währenddessen können wir nur auf die Unterstützung von Menschen hoffen, die vielleicht etwas Merchandise kaufen oder unsere Musik streamen. Am wichtigsten ist, dass wir hierdurch kommen und zuhause bleiben.

Zwo Eins Risiko: Dieses Jahr sollte unser erster großer Festivalsommer werden. Nur leider mussten aufgrund von Covid-19 diverse Festivals verlegt oder abgesagt werden. In einem Fall waren wir schon auf dem Weg zur Location, als die Meldung kam, dass es nicht stattfinden wird. Das trifft uns natürlich als Band, aber noch viel mehr die Veranstalter. Gerade die kleinen, mit viel Herzblut und in Eigenregie organisierten Festivals trifft das ziemlich hart. Umso wichtiger ist es, diese zu unterstützen und zum Beispiel keine „Ausfall-Pauschale“ zu nehmen, oder als Zuschauer die Tickets zu behalten, selbst wenn das Festival nicht stattfindet. Wir hoffen wirklich sehr, dass die meisten Festivals nachgeholt werden können und der Schaden so gering wie möglich gehalten werden kann. Bleibt gesund!

Janosch Holland (Go Down Believing/ Long Beach Records): Dieses Coronavirus hat mich und auch meine Kollegen wirklich kalt erwischt. Derzeit arbeite ich für Go Down Believing als Booking & Management Assistent, bei Long Beach Records Europe als A&R und veranstalte noch eine Vielzahl von Konzertreihen in Neuss, wie das Neuss Now Festival, den Concrete Jam als Skateevent mit Live Open Air und eine kleine Akustikreihe namens „Bergfest Sessions“ einmal im Monat. Und wie es dann auch kommen musste, wurde alles abgesagt und verschoben. Wir konnten die größeren Touren unserer Bands ganz gut in die zweite Jahreshälfte schieben wie zum Beispiel bei Jinjer oder The Hirsch Effekt , aber auch hier ist alles noch nicht final und vieles muss noch passieren,
damit es für alle Seiten am Ende passt. Gerade hierbei ist der finanzielle Aspekt ja ein großer Teil, da in der Verwertungskette einige Leute mit drinhängen, wie Management, Booker, die ganze Tourcrew, Labels, Promoagenturen, Clubs etc. etc. und nochmals etc. Es ist wie anderorts auch schon oft erwähnt wirklich schwer, dass keiner dabei auf der Strecke bleibt. Meine Hoffnung ist, dass viele Clubs sich irgendwie über Wasser halten können und die kleinen Bands, über die selten gesprochen wird, nicht zu sehr ins Nachtreffen geraten. Gerade diese trifft ja das alles besonders hart , da Shows vorher schon Mangelware waren und jetzt der Kalender vielerorts bis Mitte/Ende 2021 schon durchgebookt ist. Aus diesem Grund beteiligen wir uns mit GDB bei einer Initiative, die durch eine Vielzahl von Musikmanagern in Deutschland ins Leben gerufen wurde. Dabei geht es darum, dass Radiostationen heimische Künstler mit ins Programm nehmen und hoffentlich auch nach der Zeit mit dem Virus ein Umdenken hier entsteht. Genau das ist für viele Acts die Möglichkeit, ein wenig den finanziellen Verlust über Gema-Gebühren abzufedern. Auch kann dies die Kulturlandschaft vielleicht nachträglich beeinflussen. Wer mehr erfahren möchte: Der Stern berichtet sogar über das Thema.

Chris von der Düssel: Die Idee zu einem Online-Konzert kam mir persönlich schon recht früh, als das ganze #stayhome-Ding anfing. Die meisten waren aber spontaner und flotter. Hat ja eine ganz große Welle ausgelöst. Das wird nicht das Konzerterlebnis ersetzen, aber ist eine tolle kreative Sache und ich könnte mir vorstellen, dass diese "Kunstform" auch vermehrt nach der Krise bestehen bleiben wird. Umzusetzen ist so etwas als Musiker mit Akustikgitarre heutzutage ja echt einfach. Handy an und ab geht‘s. So haben es letztlich auch Chucky und ich gemacht, da die gut vorbereitete Technik nicht mitspielen wollte. Als laute Band ist es da schon etwas schwieriger, den Leuten vor den Geräten einen einigermaßen guten Ton zu geben. Im Schnitt hatten wir so an die 50 Zuschauer. Gab echt einige, die da richtig geil drauf waren. Besonders freut mich jetzt auch zu lesen, dass mich Leute live "sehen" konnten, die es vorher noch nie geschafft haben. Hat also durchaus auch gute Seiten das Ganze. Und 50 Zuschauer – da träumt man ja an manchen Abenden von. Von Verlusten kann ich persönlich nicht reden. Bin aber auch niemand, der durch die Musik Geld verdient. Alles was reinkommt wird auch meistens in etwas investiert, wenn es nicht eh für den guten Zweck verbraucht wird. Ich denke aber, dass einige Kollegen da im Moment auch ganz schön am Knabbern sind. Besonders bitter ist es, wenn man genau jetzt zum Beispiel auch einen Release geplant hat. Da haben dann Menschen wie etwa der Butterwegge oder Der Ole derzeit echt die Arschkarte. So eine Produktion bringt nun halt auch enorme Kosten und wenn da jetzt nichts rein kommt – ganz übel. Was mir noch etwas Bauchschmerzen bereitet ist mein Jubiläumsbash am 31.05. Proben können wir nicht dafür. Da mein Randale Orchester keine klassische feste Band ist, ist das ein bisschen übel. Aber im Moment muss man einfach abwarten, Bier trinken und vor allem happy sein, dass man Gesund ist. Frustration hat noch nie etwas gebracht. Ich versuche einfach das beste aus der Situation zu machen und so wenig zu jammern wie möglich.

Koka Koma: "Macht ihr durch die Corona-Pandemie eigentlich Verlust mit der Band?" war eine Frage, die uns erst einmal zum Lachen gebracht hat. Wir machen monatlich sowieso mehr Verluste als Einnahmen, allein durch die Proberaummiete. Unsere Konzerte, die ab Mai im Zwei-Wochen-Takt gewesen wären, fallen natürlich höchstwahrscheinlich weg und das bisschen Spritgeld, was wir bekommen hätten, tut auch nicht wirklich weh. Uns als kleine, nicht zum Überleben von unserer Musik abhängige Band, trifft die Krise auf eine ganz andere Art und Weise. Wir waren gerade dabei, ein neues Bandmitglied zu begrüßen, ihm unsere Lieder beizubringen und bei dem ein oder anderen Bierchen neue Ideen für die Band zu entwickeln. Die Veröffentlichung unserer ersten EP stand kurz bevor und wir waren schon enthusiastisch dabei, neue Songs zu schreiben. Und jetzt... Stillstand. Alle neuen Songs, sowie die Veröffentlichung der alten, müssen jetzt erst einmal warten. Um trotzdem nicht komplett einzusacken, haben wir beschlossen, ab und an über Skype "Proben" abzuhalten. Dabei sitzt dann unser Gitarrist meist mit seiner Gitarre und klimpert vor sich hin, wir trinken Bier und besprechen Dinge, die sowieso schon etwas länger liegengeblieben sind. Von Merch über Online-Labels ist alles dabei. Man albert herum und das Bandgefühl bleibt auf jeden Fall erhalten. Alles in allem bleibt uns nur eins zu sagen: Die Situation trifft uns alle und viele aus der Musikbranche wesentlich härter als uns. Dennoch kann man mit ein bisschen Kreativität die Zeit nutzen. Ob man nun Live-Stream-Konzerte gibt oder einfach über Skype probt.

Finte: Statt in diesem Frühjahr wieder auf der Bühne zu stehen und Gigs mit neuem Material zu spielen, verbringen wir die Abende vor den Webcams und schieben uns online Tonspuren zu. Glücklicherweise hatten wir vor Kurzem für uns alle Möglichkeiten zum Home-Recording eingerichtet, sodass wir die Zeit zumindest nutzen können, um an neuen Songs zu arbeiten. Auch wenn unserer Gitarrist Timur (@Kairos Studio) einige seiner geplanten Studioprojekte auf Eis legen musste und das durchaus finanziell merkt, so sind wir als Band zumindest in einer Situation, in der wir nicht von unserer Musik leben wollen oder müssen. Andere Künstler*innen dagegen, die ihre ganze Existenz um ihr Schaffen aufgebaut haben, trifft die aktuelle Lage wesentlich härter. Gleiches gilt für Kultureinrichtungen der freien Szene, die kleinen Nischen-Bands wie uns überhaupt eine Bühne bieten. So stellen auch wir uns die Frage nach der Perspektive: Wir wollen im Sommer gemeinsam ins Studio, was nun voraussichtlich eher zum Staffellauf wird. Eine Tour lässt sich bei der unsicheren Lage schwer planen und wenn wieder Konzerte stattfinden können, wie viel von der Szene, ihren Läden und Veranstalter*innen sind dann überhaupt noch in der Lage, weiter zu machen? Bei all der gelebten Solidarität in der Szene braucht es gleichermaßen eine Politik, die nicht ungleich verteilte ökonomische Risiken weiter verschärft, sondern unbürokratisch hilft (Stichwort Grundeinkommen) und wirtschaftliche Interessen nicht über Menschenleben stellt, was aufgrund aktueller Diskursverschiebungen zu befürchten ist.