Cancelt Beethoven!

Musikwissenschaftler:innen, enthusiastische Kulturfans und Medien entscheiden seit Jahrhunderten über den Kanon großer Musik – und der ist weiß, männlich oder höchstens mal die Ehefrau eines weißen, männlichen Komponisten. Was macht das heute noch mit uns?
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Nationalisten rechtfertigen die Überlegenheit ihres Landes oft mit Kultur, Deutschland sei das „Land der Dichter und Denker“. AfD-Chef Tino Chrupalla hat erst kürzlich in einem Interview mit einem Kinderreporter wieder dafür plädiert, mehr deutsche Gedichte zu unterrichten – und bewies im selben Atemzug, wie wenig dieses Plädoyer tatsächlich aus einer Kunstliebe entstand, als er nicht imstande war, ein einziges dieser Gedichte zu nennen. Der Mythos der deutschen Kunstüberlegenheit ist offensichtlich mittlerweile auch ein Instrument geworden, um die eigenen rassistischen Ansichten in etwas samtigere Worte zu verpacken. Aber anderseits scheint die Übermacht der deutschen Kultur ja tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Über deutsche Popmusik lamentiert man stetig, dass sie außerhalb der eigenen Region keinerlei Relevanz habe, aber die jahrhundertelange Tradition der Orchestermusik hat sich tatsächlich weltweit einen Namen gemacht. Als ich 2018 einmal in Shanghai war, war es zum Beispiel gar nicht so einfach, ein entsprechendes Konzert zu finden, das nicht mit Werken von jenen zentraleuropäischen Komponisten aufwartete, die man hierzulande auch in jeder x-beliebigen Philharmonie sieht. Auch der Zweite Weltkrieg hatte im letzten Jahrhundert durch die Flucht zahlreicher wichtiger Musikpersönlichkeiten dafür gesorgt, dass deutsche Tradition in anderen Ländern noch mehr als ohnehin schon kanonisiert wurden. Arnold Schönberg zum Beispiel, einer der wichtigsten österreichischen Komponisten seiner Zeit, emigrierte als Jude in die USA – und der Komponist Hans-Joachim Koellreutter verbreitete dessen Ideen ungefähr zur selben Zeit auch in Brasilien.

Eigentlich geht aber die Idee einer – man könnte es mit dem fragwürdigen Vokabular von Rechtspopulisten tatsächlich so ausdrücken – „deutschen Leitkultur“ noch viel weiter. Es ist nicht nur die bloße Verbreitung oder die vielen Aufführungen, die deutsche Kompositionen auf der ganzen Welt erfahren. Der Kanon westlich geprägter Ideen geht so weit, dass wir unser gesamtes Verständnis von Musik darauf aufbauen. Selbst jemand, der sich noch nie mit klassischer Musik auseinandergesetzt hat, muss das spüren. Wieso werden zum Beispiel die arabisch anmutenden Klänge, die seit 2017 auf einigen King-Gizzard-Alben vertreten sind, stetig als „mikrotonal“ beworben? Diesen Ausdruck dürften Viele im Kontext der australischen Psychedelic-Rocker zum ersten Mal gehört haben, er hat aber schon eine deutlich längere Geschichte und entstammt eigentlich der Feder westlicher Komponisten, die gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts Musik machen wollten, die mehr Töne enthielt als das europäische Notensystem. Demzufolge kann auf das Wort „mikrotonal“ eigentlich nur jemand kommen, der die europäische Musik als Norm annimmt. Dabei gibt es unendlich viele verschiedene Tonsysteme auf der Welt und jemand aus dem arabischen Raum empfindet das in seinem Land vorherrschende wahrscheinlich einfach als normal und nicht als kleinteilig.

Wenn es sich nur um reine Begrifflichkeiten handeln würde, dann könnte man darüber vielleicht noch schulterzuckend hinwegsehen. Aber die Wurzeln sitzen noch viel tiefer. Wer zum Beispiel in der Schule mal ein wenig Musiktheorie gelernt hat, dem wird eigentlich nie erzählt, wie eingeschränkt die Mittel anwendbar sind, die man dort an die Hand bekommt. Musiktheorie wird uns als etwas allgemeingültiges Naturgesetz verkauft. Sie wird behandelt wie ein physikalisches Gesetz oder eine mathematische Formel, die wir an alle Art von Musik ansetzen können, um sie zu erklären. Wir lernen zum Beispiel, was Dur- und Moll-Akkorde sind – ein fundamentales Konzept, das auch in der heutigen Popmusik noch immer für wichtige Grundstrukturen sorgt. Das ist schon innerhalb der europäischen Musik eigentlich ein sehr begrenztes Feld, denn sie erklärt uns eigentlich nur die Klänge einer bestimmten Epoche, nicht aber alles, was davor war – und teilweise auch nicht, was danach kam. Noch viel ärger wird das Ganze aber, wenn man die eigene geographische Blase verlässt und feststellt, dass es in anderen Ländern völlig andere Musiktheorien gibt, die mit unseren Systemen rein gar nichts zu tun haben. Um erneut auf das Beispiel King Gizzard zurückzukommen: Die „mikrotonalen“ Songs der Band funktionieren einfach gesagt eher so, dass sie den Kern der europäischen Musik um einige Klänge erweitern, aber dabei immer noch auf den selben Grundprinzipien fußen. Es gibt aber zahlreiche Musikkulturen, die auf völlig anderen Ideen basieren, die wir mit unseren Prinzipien überhaupt nicht erklären könnten. Dass zentraleuropäische und in diesem Zusammenhang vor allem auch deutsche Musiktheorie als so universell betrachtet wird, obwohl ganz unterschiedliche Musiken logischerweise auch unterschiedliche Erklärungsansätze bräuchten, ist sehr bezeichnend für unsere Sicht auf Kultur. Quasi alle Kompositionen und Theorien, die wir für die Ideale unserer Musik annehmen, stammen aus der Feder weißer und männlicher Personen und verschränken uns so vollständig den Blick auf das Schaffen anderer Bevölkerungsteile. Und weil das so derartig in den Wurzeln unserer Idee von Musik steckt, ist das auch gar nicht so einfach aufzulösen.

Man nehme etwa Heinrich Schenker. Die Chance steht gut, dass die meisten von euch noch nie von diesem Menschen gehört haben, was auch damit zusammenhängen könnte, dass Schenker heute im deutschsprachigen Raum als ziemlich schwierige Figur gesehen wird. Schenker war ein bedeutender Musiktheoretiker seiner Zeit. Er glaubte an die Überlegenheit deutscher Musik, war ein Feind der Demokratisierung und deutete die Machergreifung Hitlers als Zeichen dafür, dass die Kultur nun wieder auf den rechten Weg käme. Er glaubte nicht, dass schwarze Personen selbstbeherrscht Leben könnten und lehnte die Heirat zwischen Menschen unterschiedlicher „Rassen“ ab. Im Namen Schenkers ist wie in kaum einer Person vereint, was in unserer Wahrnehmung von Musik falsch läuft: Sie ist ideologisch geprägt und ist deswegen auch nur auf einen bestimmten, sehr selektierten Kanon anwendbar. In den USA etwa zählen Schenkers Theorien aber nach wie vor zu den meistgelehrtesten Prinzipien überhaupt.

Was hier etwas provokant in der Überschrift steht, ist das, was viele bedeutende nach diesen Ausführungen verstehen, wenn man sie ihnen vorträgt. 2019 hielt der amerikanische Musiktheoretiker Philip Ewell einen Vortrag, in dem er genau diese Kritikpunkte musiktheoretischer Auffassung vortrug und sie als Ergebnis eines „white racial frames“ beschrieb. Ewells Vorstoß löste eine hitzige Protestreaktion aus – bezeichnenderweise im „Journal of Schenkerian Studies“. Insgesamt 15 (!) Antworten fanden sich in Ausgabe 12 des Magazins, darunter zahlreiche namhafte Musikprofessoren und sogar eine Antwort, die unter dem Deckmantel der Anonymität blieb – man darf fragen, warum. Aber es geht ja gar nicht darum, die Musik plötzlich zu verbannen, die immer noch viele Menschen lieben. Nur: Wenn schon unsere grundlegenden Tools, um Musik zu verstehen, so derartig auf einen bestimmten Kanon ausgelegt sind, dann schaffen wir uns selbst gar nicht die Möglichkeit, auch die Vielfalt anderer Kulturen zu begreifen – oder glauben zumindest immer, einer völlig gedankenlosen Musik zu lauschen, weil unsere eigenen Mittel gar nicht dazu in der Lage sind, sie zu erklären. Und da kann eigentlich kein vernünftiger Mensch etwas dagegen haben.