Musiktherapeut Hauke Böhmer: Einmal ausreichen

Wer Musik kennt und liebt, weiß, welche Kraft sie einem oft geben kann. Kein Wunder also, dass sie sogar für therapeutische Zwecke gebraucht wird. Wir haben mit Musiktherapeut Hauke Böhmer über seine Arbeit mit beeinträchtigten Menschen gesprochen.
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„Im Vordergrund bei der Arbeit steht die Erhaltung und vielleicht auch die Erweiterung von Lebensqualität“, fasst Hauke Böhmer die Ziele der Musiktherapie für Menschen mit Behinderungen zusammen. „Man will Möglichkeiten von Anspannungsreduktion, Angstreduktion, Erleben von Selbstwirksamkeit schaffen. Die Menschen merken dann: Ich kann etwas, ich spiele auch etwas, ich darf auch klingen, ich werde nicht zensiert.“ Böhmer arbeitet hauptsächlich als Musiktherapeut in einer Hamburger Psychiatrie, immer montags ist er aber zusätzlich noch in einer Behindertentagesstätte zu Gast. Dort will er mit seinen Patient:innen die Schwierigkeiten ausgleichen, die behinderte Menschen in ihrem Alltag oft im Verborgenen durchleben. „Es geht da um Entfaltung abseits von Lebensbereichen, wo eben doch überwiegend Defizite gegeben sind und wo man dann – von der Warte der Behinderten gesprochen – eben oft nicht ausreicht. Es ist ja ständig Insuffizienz im Erleben. Auch, wenn das verbal oft nicht kommunizierbar ist, steht der Rückzug in sich hinein aufgrund von Kränkung oder Selbstentwertung bei Vielen doch oft im Vordergrund. Die Musik kann ermöglichen, dass das für einen Moment mal abfällt.“

Wer sich in Deutschland „Musiktherapeut“ nennen möchte, muss dafür keine bestimmte Ausbildung durchlaufen haben. Der Begriff ist nicht geschützt und so führen viele Wege in das Berufsfeld – darunter allerdings auch beispielsweise eher wenig tragende Wochenendseminare, die laut Böhmer kaum ausreichende Fähigkeiten vermitteln können.  Er selbst wiederum hat das Fach tatsächlich über Jahre studiert – und zwar an einer Musikhochschule, die üblicherweise eigentlich enorm viel Wert auf technische Genauigkeit und virtuose Spielfertigkeiten am Instrument legen. Hier werden Menschen für große Orchester ausgebildet. Entsprechend anders muss sich ein solcher Prozess aber natürlich gestalten, wenn es um den Weg zu einer Arbeit mit Menschen geht, die teilweise noch nie ein Instrument in den Händen gehalten haben. Böhmer berichtet von der Aufnahmeprüfung, die er vor Antritt seines Studiums ableisten musste. „Es geht nicht darum, Bach perfekt spielen zu können, sondern darum, sich die Musik als Medium verfügbar zu machen und daraus ein Spektrum von Ausdruck zu gewinnen. Das beinhaltet zum Beispiel auch, wie man mit Fehlern umgeht. Ich habe mich bei meiner Aufnahmeprüfung übernommen. Im Nachgespräch wurde mir dann aber gesagt, dass mein Umgang mit dieser Situation sehr entscheidend war.“

Musiktherapie lässt sich in verschiedene Bereiche unterteilen. In rezeptiven Therapieformen steht das pure Hören von Musik im Vordergrund, in aktiven Musiktherapien wiederum geht es um das Spielen von Musik. Bei seiner Arbeit mit Menschen mit Behinderungen setzt Böhmer überwiegend auf Letzteres und musiziert in Kleinstgruppen von meist nur zwei Menschen Volksliedgut, Popsongs und generell viele Klassiker, lässt dabei vor allem aber auch Improvisationen entstehen. Da die sehr diversen Krankheitsbilder seiner Patient:Innen naturgemäß verschiedene Herangehensweisen erfordern, ist auch die Berücksichtigung dieser Faktoren ein wichtiger Teil von Böhmers Arbeit. „Ich stimme das natürlich sehr genau auf die Bedürfnisse des Einzelnen ab, je nach körperlicher Versehrtheit und geistiger Fitness“, sagt er. „Das läuft sehr nonverbal. Ähnlich wie man mit Säuglingen kommuniziert, geht es da auch um Formen von Vitalität, um die Intensität von Klängen. Das kann ganz bezaubernd sein. Es ist faszinierend, was über dieses Medium Musik dann plötzlich geht und wie viel Freude das auch bereiten kann.“

Böhmer betont immer wieder, dass eine große Stellschraube seiner Arbeit auch die Rücksichtnahme auf mögliche Überforderungen der Patient:innen ist. Auch deswegen agiert er vor allem in sehr intimen Gruppengrößen. Menschen Sicherheit und Selbstakzeptanz zu geben, ist ein entscheidendes Ziel der Musiktherapie, das gleichzeitig ein zweischneidiges Schwert offenbart. Denn wer aktiv vor anderen Menschen Musik macht, der offenbart einen Teil seiner Selbst und exponiert sich. Bis man die Hemmungen dazu abgebaut hat, kann es eine Weile dauern. „Wenn der Grad der Behinderung geringer ist und man noch Erfahrungen mit Schuleinrichtungen gemacht hat, aber dafür die Beeinträchtigung eigentlich doch zu stark war, dann ist – so meine Erfahrung – oft sehr viel Entwertung erlebt worden“, meint Böhmer. „Entsprechend groß ist dann auch die Berührungsangst. Dann muss man sehr lange vorher Halt geben und eine Fläche bieten, in der man sich mit Klängen verorten kann, die jetzt nicht so präzise kommen müssen, wo man auch einfach mal Geräusche macht. Manchmal wird auch einfach nur die Trommel gehalten, ohne zu spielen. Das ist unter Umständen oft auch schon ganz schön viel.“

Zur Wahrheit gehört auch, dass das Erschaffen dieser Freiräume nicht immer gelingen kann. Musiktherapie - das ist immer noch Arbeit, die nicht nur Freude und augenöffnende Erlebnisse produziert. „Es kann auch mal sehr zäh sein, wenn so gar nichts geht“, sagt Böhmer. „Es ist nicht immer nur ein Strahlen und Lächeln, das sind sehr viele Seiten. Manchmal ist man auch einfach nur gestresst und müde, das betrifft auch mich selbst. Das muss man dann mit einbauen.“ Böhmer zeigt in diesem Moment auch eine Weitsicht, die für seine Zunft sehr entscheidend ist. Realistische Ziele helfen am Ende sowohl ihm als auch seinen Patient:innen. „Der Wunsch, dass es den Menschen doch besser gehen könnte und dass sie etwas in einem gewissen Tempo dazulernen können, darf nicht dahinkippen, dass es in einer Überforderung mündet“, resümiert Böhmer zu dem Thema. „Auch bei den Menschen in der Förderstätte ist trotz ihrer Beeinträchtigung noch Wachstum da, aber viel wichtiger ist es, den Lebensstandard auf dem Status Quo zu halten. Ich mute einer Person bei meiner Arbeit auch etwas zu. Es ist aber wichtig zu beobachten, ob diese das dann auch annehmen kann.“