So klang der Fall der Mauer

Oder klang er überhaupt? Wenn man sich mit Musik zur deutschen Einheit beschäftigt, stellt man nämlich schnell fest, dass viele unserer Assoziationen mit dieser Zeit verfälschte Klischees sind. Ein Einblick in das Phänomen der verzerrten Geschichtsschreibung.
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Mal ganz spontan geantwortet: Welchen Song hattet ihr sofort im Kopf, als ihr auf diesen Artikel geklickt habt? War es das sentimentale Pfeifen von „Wind Of Change“, das die Scorpions schließlich zu einer der größten deutschen Rockballaden überhaupt erhoben? Oder war es das nach wie vor kultige „Looking For Freedom“, mit dem David Hasselhoff immer noch untrennbar mit dem Mauerfall verbunden scheint? Die Chance ist relativ groß, dass es einer der dieser beiden Songs war, denn genau wie auch zum Beispiel Marius Müller-Westernhagens „Freiheit“ scheinen beide symbolisch für dieses große Ereignis deutscher Geschichte zu stehen. Im Fall von Hasselhoff scheint sich mancherorts sogar die Geschichte verfestigt zu haben, er habe die schließlich zum Fall der Mauer führenden Proteste live musikalisch begleitet – ein symbolträchtiger Heros einer Massenbewegung also.

Dabei stimmt die Geschichte so kaum. Tatsächlich ist Hasselhoff zwar vor der Berliner Mauer aufgetreten, allerdings erst zur Sylvesterfeier 1989, also bereits einige Wochen nachdem die Mauer gefallen war. Ganz verkehrt ist die geschichtsträchtige Assoziation aber wohl dennoch nicht – immerhin steht der Sänger bei seinem Auftritt auf einer Hebebühne und überblickt dabei beide Seiten des noch nicht offiziell wiedervereinigten Berlins. Auf der nun als Relikt einer vergangenen, aber immer noch lebensnahen Zeit zu betrachtenden Mauer sitzen zahlreiche Menschen und genießen die neue Welt – ein Bild, das ein Jahr vorher noch undenkbar gewesen wäre. Insofern ist „Looking For Freedom“ vielleicht nicht der Song, der die Grenze zum Einsturz brachte, aber doch derjenige, der die Ereignisse der letzten Wochen in sich aufsog.

Letztere Formulierung ist dabei als entscheidend zu bewerten, denn tatsächlich ist „Looking For Freedom“ nicht direkt vom Mauerfall inspiriert, sondern existierte bereits vor diesem Ereignis. Hasselhoffs Hit wurde 1989 der Bevölkerung durch einen Auftritt bei „Wetten, dass…?“ bekannt. Das ZDF sendete damals sowohl in die BRD als auch in die DDR – lediglich in einigen der östlichsten Teile der DDR, dem sogenannten „Tal der Ahnungslosen“, war Westfernsehen nicht empfangbar. Dass „Looking For Freedom“ ausgerechnet 1989 einer der größten Hits des Jahres war, mag man als Andeutung eines allgemeinen Zeitgeists interpretieren, der schließlich zur Revolution führte – ob man das so ohne weiteres unterstreichen kann, ist allerdings fragwürdig. Immerhin kam eine Studie tatsächlich zu dem Ergebnis, dass genau in den Gebieten ohne Zugriff auf Westfernsehen die Unzufriedenheit mit dem politischen System der DDR am größten waren. Wohl deswegen, weil die fraglichen Sendungen keinen aufklärerischen, sondern lediglich einen zerstreuenden Charakter hatten. „Looking For Freedom“ ist deswegen vielleicht retrospektiv zu einer Revolutionshymne umfunktioniert worden, war in Wahrheit aber wohl eher die Sorte massentauglichen Konsums, die die Bevölkerung der DDR bei Laune hielt.

Ebensolche Umdeutungen finden wir auch bei anderen Songs, an die wir uns heute als klare Mauerfall-Songs erinnern. „Wind Of Change“ etwa hat gar nichts mit DDR und BRD zu tun – dazu reicht ein Blick auf die ersten Textzeilen, die das lyrische Ich an die Moskwa in Russland verorten. Veröffentlicht wurde der Song auch erst im November 1990 und erscheint damit zwar – wohl eher zufällig – um die offizielle Wiedervereinigung Deutschlands herum, ist aber kaum als reaktionär auf den Mauerfall zu betrachten. Die Auflösung der Sowjetunion allerdings steckt deutlich in diesem Song der Scorpions, der damit zumindest ein direkt mit dem Ende der DDR verbundenes Ereignis ausdrückt. Ob „Wind Of Change“ später explizit dem Mauerfall zugeschrieben wurde, weil die Band aus Hannover stammt? Westernhagens „Freiheit“ hat nach eigener Aussage des Sängers ebenfalls nichts mit der sich anbahnenden Revolution zu tun. Als der Song 1987 erschien, habe er an so etwas gar nicht gedacht, wie er in einem Interview mitteilte.

Es ist interessant, dass all diese Zuschreibungen insgesamt eigentlich anachronistischer Natur sind – am ehesten lässt sich wohl der Auftritt von Hasselhoff mit dem Mauerfall verbinden, und auch dieser nur wegen der geschichtsträchtigen Performance selbst und eher zweitrangig wegen des Songs selbst. Gab es also Revolutionshymnen, die zum Fall der Mauer führten? Zumindest ist keine davon unmittelbar im Gedächtnis geblieben. Wenn wir an die Proteste des Jahres 1989 denken, dann sehen wir Bilder von Menschenmassen vor uns, hören „Wir sind das Volk“-Rufe, aber wir sehen keine Bands, die auf einer Bühne die Menschen auf ihrem Weg zur Mauer anpeitschen. Stattdessen erzählt uns diese Geschichte vielleicht exemplarisch, dass Musik und Kunst vielleicht manchmal eine neue Realität anstiften, sie aber nicht selbst sind. Denn wenn Protest wirklich ernst wird, dann sind die Stimmen der Protestierenden der realste Klang, den es braucht. In Belarus sind gerade auch die Menschen selbst das unmissverständliche Abbild dessen, was sich dort bewegt. Auf Demonstrationen von „Fridays For Future“ spielen noch regelmäßig Bands – und gleichzeitig hat die radikalere Variante des Protests in „Extinction Rebellion“ eine Auslegung gefunden, die durch Taten statt durch Symbolismus aktiv wird. Es scheint, als sei der Revolutionscharakter von Musik am Ende vielleicht doch gar nicht so groß, wie ihr zugesprochen wird. Kunst ist dann manchmal eben doch nur das Abbild einer viel drastischeren Realität – allerdings eines, ohne das uns manches vielleicht gar nicht mehr so lebhaft in Erinnerung bleiben würde.