Im Gespräch mit Fabian Willi Simon: Die Kunst des Musikvideos

Kaum eine Kunstform arbeitete in den letzten Jahren so eng mit der Musik zusammen wie die Videographie. Im Gespräch mit Kind-Kaputt-Videokünstler Fabian Willi Simon sprechen wir über den Zauber, Klang in Bilder zu übersetzen – und klären dabei, warum Simon in seiner Band einen so festen Platz einnimmt, obwohl er gar nicht auf der Bühne steht.
Fabian Willi Simon

„Ich glaube, dass Learning By Doing in meinem Beruf eigentlich der richtige Weg ist“, überlegt Fabian Willi Simon und nippt an seinem Tee. „Heutzutage sieht man das ja bei vielen meiner Kollegen. Von denen hat kaum jemand noch eine klassische Ausbildung.“ Simon führt mit uns ein Skype-Gespräch und sitzt an seinem Küchentisch. Während er über die typischen Karrierewege seines Berufs als Videograph philosophiert, ebnet er den Startpunkt einer Überlegung, die das ganze Gespräch ummantelt: Simon lebt den Do-It-Yourself-Ethos ebenso, wie es die Menschen tun, mit denen er zusammenarbeitet. Was am Ende zu einem enorm professionellen Videoprodukt wird, ist schlussendlich das Ergebnis jahrelanger Hingabe und initiativen Einsatzes.

Als Simon aufwächst, ist es vor allem die Musik, die den ersten Weg in seine heutige Karriere ebnet. In seiner Jugend wird er mit Metal sozialisiert und fängt in diesem Umkreis zunächst an, sich in der Fotographie auszuprobieren. Er knipst kleine Punk- und Hardcore-Shows, gewinnt dadurch an Erfahrung und fotografiert sich gewissermaßen in immer größere Hallen vor. Als er eines Tages ein Konzert der ehemaligen Metalcore-Heroen Bring Me The Horizon fotografiert, realisiert er jedoch, dass der Weg in größere Dimensionen nicht immer der richtige ist. „Ich stand dort im Bühnengraben, habe nach links und rechts geschaut und mich plötzlich gefragt, was ich hier eigentlich mache“, erzählt Simon von dem sehr einschneidenden Erlebnis. „Ich stehe jetzt wie alle anderen vor der Absperrung und muss die Location nach drei Songs direkt wieder verlassen. Ich habe schon damals gerne im Pit Fotos gemacht und bin nach den drei Songs eigentlich immer sofort ins Publikum gegangen, weil da die eigentliche Energie eines Abends steckt. Das ging an diesem Abend alles nicht und dadurch hat sich bei mir Vieles verändert. Ich hatte keine Lust mehr darauf, ich hatte keine Lust mehr auf größere Bands.“

Simon kehrt deswegen wieder etwas zurück zu seinen Wurzeln und arbeitet für kleinere Bands, macht diesen aber nun konkrete Angebote. Dabei kommt er auch zur Videographie, die mittlerweile auch finanziell zu seinem Hauptstandbein wird. Die Erfahrungen aus der Fotographie helfen ihm weiter, gleichzeitig ist er fasziniert von den vielen neuen Komponenten, die die Videographie in seine Kunst bringt. „Es gibt so viel mehr, was man bei Videographie beachten kann und muss“, erzählt er. „Das hat mich auch sehr daran gefesselt.“

Essentieller Bestandteil von Simons Arbeit sind seit einigen Jahren Kind Kaputt, die der Berliner seit einigen Jahren als fester Bild- und Videokünstler begleitet. Bemerkenswert ist dabei, wie zentral Simons Rolle als Teil der Band kommuniziert wird. Auf den Promo-Fotos zu Kind Kaputts Debütalbum „Zerfall“ ist Simon als viertes Bandmitglied mit abgebildet und wenn er von dem Projekt spricht, begreift er sich eindeutig als gleichwertiger Teil der Gruppe und nicht als Dienstleister der Band. „Über die drei Jahre, in denen wir jetzt Zeit miteinander verbringen, hat es sich ganz natürlich entwickelt, dass ich nun gefühlt ein Teil der Band bin“, erzählt Simon. „Beim Fotoshooting für unser Debütalbum hat Johannes irgendwann gefragt, ob ich nicht auch auf den Bildern sein möchte. Wir haben dann festgestellt, dass das total Sinn macht, weil es sich einfach genau so anfühlt.“ Gleichzeitig unterstreicht die Band damit, wie zentral die Synergie von Musik und Visuellem im Bandkonzept verankert sind. „Wir sind eben nicht nur eine Band, die nur Musik macht, sondern versuchen, ein ganzheitlich künstlerisches Konzept zu schaffen, das ganz maßgeblich durch meine Arbeit geprägt wird.“

Trotzdem beschränkt sich Simons Arbeit nicht nur auf das Projekt Kind Kaputt, sondern greift darüber hinaus noch in die Clips vieler anderer Auftraggeber. Die Kooperationen erweisen sich dabei als durchaus unterschiedlich, dennoch kann Simon gewisse Grundansätze seiner Arbeit formulieren. „Ich stehe beim Entwurf der Konzepte immer im sehr engen Austausch mit den Künstlern. Deswegen verstehe ich mich auch viel besser mit Musikern als mit anderen Videographen. Ein Großteil meines Freundeskreises besteht aus ehemaligen Kunden. Ich habe über die Jahre verstehen gelernt, wie diese Menschen ticken.“ Simons Verständnis musikalischer Visionen ist auch deswegen so wichtig, weil sein DIY-Ansatz und sein Klientel selten große Spielräume zulassen. „Am Ende bin ich ja auch immer noch irgendwo Dienstleister“, erklärt er. „Da man in meinem Bereich mit einem festgesetzten und sehr geringen Budget arbeitet, bleibt nicht viel Zeit zum Rumexperimentieren. Deswegen versuche ich zwar immer, möglichst künstlerisch zu arbeiten, gleichzeitig aber auch, auf der sicheren Seite zu verbleiben. Es soll eben nicht dazu kommen, dass ich meine oder die Zeit des Künstlers verschwende.“

Aus Simons Videos spricht vor allem ein Hang zur ästhetischen Intensität. Im Performance-Clip zu „Smile“ vom Noiserock-Geheimtipp Heads wird die klanglich unangenehme Verwaschenheit des Songs in unscharf bebende Nahaufnahmen transferiert. In Donnokovs und Kind Kaputts Kooperations-Single „Schere“ wird die textlich ausgedrückte Dekadenz sehr prägnant durch ein Konglomerat aus weißen Polo-Hemden, Sekt und Pool-Party verdeutlicht, während der musikalisch-dramaturgische Ausbruch schließlich auch durch unruhigeres Wasser seine visuelle Ergänzung findet. Die von Simon umgesetzten Songs werden so in ihrem emotionalen Gefühl durch ihre optische Komponente verstärkt. „Bei meinen bisherigen Projekten habe ich vor allem versucht, den Song optisch zu verdeutlichen“, definiert Simon seine Herangehensweise und gibt gleichzeitig einen Ausblick, wo er gerne noch hin möchte. „In Zukunft möchte ich aber gern mehr auf eine eigene Erzählebene gehen, das wird dann vor allem meine freien Projekte betreffen. Am Ende ist es aber trotzdem noch ein Musikvideo, deswegen müssen die Bilder dem Song zuspielen und nicht umgekehrt. Das Video ist nicht der eigentliche Hauptakteur.“

Dabei fällt auch auf, dass Simons Faszination für Videographie vor allem aus ästhetischen Interessen und nicht aus bestimmten Erzählebenen entsteht. „In Rockvideos hast du es sehr oft, dass sehr viel Handlung reingepackt wird“, denkt er nach. „Im Hip-Hop ist das oft gar nicht notwendig, da steht einfach nur ein performender Typ. Wenn du aber Handlung hast, dann ist die oft sehr kreativ umgesetzt. Ich mag zum Beispiel sehr Martin Swarovski als Regisseur, der hat etwa die Videos von Zugezogen Maskulin oder Grim104 gemacht. Das ist ein sehr schöner Stil zwischen reiner Performance und handlungsähnlichen, ästhetisch aufbereiteten Passagen.“ In diesem Zusammenhang ist etwa Rammsteins diesjähriger Blockbuster zu „Deutschland“ auch nicht in erster Linie wegen seiner irren Inhaltsfülle bedeutend: „Das Video hat mich wirklich inspiriert. Das liegt weniger an den vielen, tollen Ideen darin, denn dass du mit einem derartigen Budget enorm viel erzählen kannst, liegt ja fast schon auf der Hand. Mich hat vor allem das unglaubliche Produktionslevel beeindruckt. Der Specter, der früher Aggro Berlin gemacht hat, hat sich damit wirklich international die Krone aufgesetzt.“

Wenn Simon von seiner eigenen Arbeit spricht, dann redet er deswegen folgerichtig auch vor allem von Cineasmus und beschreibt vor allem den Zauber eines gut komponierten Bildes. „Mein schönstes Musikvideo überhaupt habe ich wohl für die Band LionLion gemacht“, meint er. „Die Produktionscrew hat da wirklich ein visuelles Meisterwerk geschaffen – umso stolzer bin ich, dass ich einen Teil dazu beitragen durfte. Die Jungs haben ein krasses Auge für Ästhetik und sind unglaublich verkopfte Typen. Deswegen hat es auch relativ lange gedauert, bis wir herausgearbeitet hatten, was wir bei unserer Zusammenarbeit eigentlich machen wollen. Aber ich finde es eben auch großartig, dass das Menschen sind, die sich nicht mit Standard zufriedengeben. Die haben immer den Anspruch, etwas Einzigartiges zu schaffen.“

Warum Simon so begeistert von seiner Kunst ist, wird am deutlichsten, wenn er seine große Sichtweise auf Musikvideos beschreibt. „Ein Video kann einen Song noch so viel intensiver machen“, sagt er. „Es ist etwas ganz Anderes, wenn man einen Song als solchen wahrnimmt, oder wenn man dazu noch Bilder hat. Diesen Anspruch habe ich. Ich möchte etwas Komplexeres schaffen als nur ein Musikstück. Ich möchte ein kleines Paket schnüren, das dir unvoreingenommen präsentiert wird und das dich in dem Song wühlen lässt. Das macht alles ein bisschen tiefer.“

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