Vertonte Epik: Die 70er-Jahre und ihre Konzeptalben

Die Website udiscovermusic.com stellte im April 2020 ihre Liste der 25 besten Konzeptalben aller Zeiten auf. Von den 25 dort vorgestellten Platten erschienen ganze 14 in den 70er-Jahren. Grund genug, einmal genauer zu schauen, warum diese Art Musik in diesem Jahrzehnt einen solchen Erfolg hatte.

Soviel mal vorweg: Konzeptalben sind weder eine exklusive Erscheinung der 70er, noch der Rockmusik. Man denke nur mal an Kanye West’s “My Beautiful Dark Twisted Fantasy”, Tyler, the Creator’s “IGOR” oder auch Greenday’s “American Idiot”. Die großen Klassiker und ersten Assoziationen mit dem Konzeptalbum sind aber eben oft die Rockalben der 70er. Rush’s “2112”, Led Zeppelin’s “Houses of the Holy”, Pink Floyd’s “The Wall” oder “Le Frisur” von den Die Ärzte (ja gut, das ist von ‘96, aber es lohnt sich einfach, sich ab und zu mal ins Gedächtnis zu rufen, dass Die Ärzte ein Konzeptalbum über Haare gemacht haben. Und die Leute haben das gekauft!)

Kaum eine Band steht so sehr für das Konzeptalbum wie Pink Floyd. Die drei erfolgreichsten Alben der Briten, “Wish You Were Here”, “Dark Side Of The Moon” und “The Wall” sind allesamt Konzeptalben, alle mit ihrer ganz eigenen Geschichte. “Wish You Were Here” setzt sich mit den Abgründen des ehemaligen Frontmanns Syd Barrett auseinander, der die Band Ende der 60er wegen psychischer Krankheit und Drogenproblemen verlassen musste. In insgesamt neun Teilen des Megasongs “Shine On You Crazy Diamond” besingen die vier Bandmitglieder ihren Freund. “The Dark Side Of The Moon” handelt dagegen nicht von den Abgründen nur einer Person, sondern gleich der Menschheit an sich. Die Songs erzählen davon, wie Menschen langsam aber sicher dem Wahnsinn verfallen. Die einzelnen Stücke blenden dabei immer wieder unmerklich ineinander über.

Aber was genau hat Roger Waters und seine Zeitgenöss:innen nun dazu bewegt, dem Konzeptalbum als Genre so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Dass die Musiker:innen von damals etwa einfach die “besseren” Künstler:innen waren, wäre vielleicht die Antwort eines ewig-gestrigen Progrock-Liebhabers, kann aber wohl kaum die Lösung sein. Vielmehr liegt es in der Natur des Mediums und dem Geist der Zeit. Das Album als Medium war möglicherweise auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit. Musik wurde vornehmlich auf Vinyl konsumiert und vor allem gekauft, damit hatte das Album als Gesamtwerk einen erheblich größeren Stellenwert als das heutzutage der Fall ist. Streaming-Anbieter und ihre Playlist-Mechanik machen den Song zur wichtigsten Einheit der Musik. Das ist weder gut noch schlecht, aber eben anders. Warum viel Zeit und Energie in eine anderthalbstündige Doppel-LP mit Interludes, stringentem Storytelling und passendem Artwork stecken, wenn die Leute nur den dreiminütigen Intro-Banger hören wollen?

Das heißt deswegen aber ja noch lange nicht, dass es keine (guten) Konzeptalben mehr gäbe. Das eingangs erwähnte “IGOR” ist gerade mal vom letzten Jahr und auch Kendrick Lamar’s Meisterwerk “To Pimp A Butterfly” lässt sich mit seinem durchgängigen Narrativ und dem musikalischen roten Faden durchaus als Konzeptalbum bezeichnen. Vielleicht hat das Konzeptalbum also einfach nur das Genre gewechselt? Ob dieses ausufernde Erzählen in der Musik nicht auch manchmal etwas prätentiös werden kann, haben wir in diesem Monat im Kreuzverhör zusammengetragen. Absolute Lesepflicht!