Konzertbericht: Steven Wilson in Hamburg

Ein Rockkonzert mit Programmheft, Sitzplätzen und Pause? Der Prog-Shootingstar Steven Wilson besucht mit seinem Pop-Album „To The Bone“ die Hansestadt und stellt mit einem denkwürdigen Konzert indirekt die Frage nach der Rezeption seines Genres: Rock’n’Roll-Rebellentum oder verkopfte Kunst aus dem Elfenbeinturm für die Elite?

Das Mehr! Theater in Hamburg ist ausverkauft. Der Andrang auf den vielbeschworenen „Prog-Erneuerer“ Steven Wilson ist ungebrochen und hatte sogar einen zweiten Termin am Tag darauf zur Folge. Eine Folge seiner jüngsten Annäherung an den Pop der 80er, sein aktuelles Album „To The Bone“, das im August letzten Jahres erschienen war? Unwahrscheinlich, hatte sich der ehemalige Porcupine-Tree-Frontmann doch bereits in zahlreichen Alben quer durch die Geschichte des Prog gespielt und so eine immer wachsende Anhängerschaft gewonnen. Mittlerweile wird der 51-jährige Brite nicht selten auch als „Genie“  bezeichnet, der wie kein Zweiter den Geist der großen Zeiten den Progs aus Bands wie Pink Floyd, Genesis oder Yes ins 21. Jahrhundert getragen hat. Sein jüngstes Werk widmete sich zwar nicht mehr der progressiven Rockmusik, sondern sollte wohl eher als Hommage an 80er-Pop verstanden werden, die gewisse Wilson-Handschrift trug es selbstverständlich dennoch.

Überraschenderweise, zumindest im ersten Moment, kommt die Erkenntnis: der komplette Saal ist bestuhlt. Die meisten Besucher und Besucherinnen sind mittleren Alters, rein dem Äußeren nach zu urteilen gut situiert und  bestellen sich an der Bar Wein. Ich höre einen Herrn selbstreflektiert zu seiner Frau leicht belustigt die Situation treffend auf den Punkt bringen: „Wir sind echt voll das Klischee.“ Am Eingang werden Programmheftchen verkauft, eine 20-minütige Pause ist angesetzt und kurz vor dem Konzert fordert eine Glocke die Besucher zum Einnehmen ihrer streng durchnummerierten Plätze auf, was eher den Eindruck eines Opernbesuchs als dem eines Rockkonzerts erweckt. Um Punkt 20 Uhr beginnt mit einem Vorspann das Konzert. Wilde Rock’nRoll-Eskapaden sollte man von diesem Abend also nicht erwarten. Oder?

Vor der Bühne ist ein dünnes, grobmaschiges und durchsichtiges Netz angebracht, auf das ein Video-Vorspann projiziert wird. Er zeigt jeweils ein Bild und ein dazugehöriges Schlagwort – eine Mutter mit ihrem Säugling und „Love“, den Ku-Klux-Klan und „Hate“, einen Mann und „Father“. Nach dem einmaligen Durchlaufen wiederholen sich sowohl die Bilder als auch die Wörter, jedoch werden sie untereinander durchgemischt. So ziert einen vermummten Terroristen das Wort „Friendship“ oder eine Naturaufnahme „Religion“. Diese Neukontextualisierungen von Wort und Bild noch im Kopf, betritt die Band betritt die Bühne und legt sofort mit der gut gelaunten „To The Bone“-Single „Nowhere Now“ los.

img-20180221-wa0009.jpg

Als jemand, der in seinen Alben eine gefühlte Armada an Gastmusikern unterbringt (man denke nur an die wahnwitzige Kombination Guthrie Govan (git), Nick Beggs (b), Adam Holzman (keys) und Marco Minnemann (drums) auf „Hand.Cannot.Erase“), müsste Wilson eigentlich ein komplettes Orchester an Rockmusikern auf die Bühne karren, um den Studioversionen auch nur annähernd gerecht zu werden. Bassist und Keyboarder bleiben die gleichen, neu sind aber der  der Progressive-Drummer Craig Blundell sowie Fusion-Gitarrist Alex Hutchings. Gemeinsam mit Wilson selbst am Bass oder Keyboard, größtenteils aber der Gitarre, macht die fünfköpfige Band einen fantastischen Job – jeder einzelne Song klingt, nicht zuletzt wegen des guten Sounds in der Halle, authentisch wie auf Platte, erhält aber durch die Live-Musiker noch eine eigene Note. In unzähligen Solos lässt Strippenzieher Wilson jedem Instrumentalisten seine Momente, was gar nicht erst die Gefahr aufkommen lässt, sie nur zu Statisten werden zu lassen. Gerade Hutchings Gitarrensolo über „Home Invasion“ liefert gleich zu Anfang einen der Höhepunkte des Konzerts und reicht in einigen Momenten, so unmöglich es auch klingen mag, an Guthrie Govans Meisterleistung von 2015 heran. Als virtuellen Gast wird bei „Pariah“  schließlich Ninet Tayeb in überlebensgroß und schwarz-weiß vor die Bühne projiziert, was fast noch besser wirkt, als die Sängerin live zu erleben. Schon jetzt ist klar: Dieser Abend ist nicht nur ein Konzert, er ist ein audiovisuelles Erlebnis.

Ungewohnt bleibt trotz allem die Sitzplatz-Situation. Folgt Prog tatsächlich dem Jazz und entwickelt sich immer mehr zum Sparten-Genre für Liebhaber? Wilson selbst spottet über die sitzenden Menschen, wobei sich die Frage stellt, ob er diese Entscheidung nicht selber treffen konnte. Enter Shikari hatten in derselben Halle schließlich auch mit stehendem Publikum gespielt. Trotzdem stellt der Meister selbst entgegen der Auffassung, seine Musik wäre zu anspruchsvoll, unmissverständlich klar: „First of all, we are a rock and roll band.“ Verstanden. Nach etwa einer Stunde verlässt die Band für 20 Minuten die Bühne und das Publikum darf sich einen neuen Wein holen.

Gleich zu Anfang der zweiten Hälfte fordert Wilson die Besucher vor „Permanating“ zum „Disco Dance“ auf, was weitreichende Folgen für den Rest des Konzerts haben sollte. Anfangs zögerlich, gehen immer mehr Menschen unmittelbar vor die Bühne (und somit vor die teure erste Reihe) und bleiben dort bis zum Ende des Konzerts. In einer Menschenmenge zu stehen lässt schon deutlich mehr Rock-Feel aufkommen, und wenn ob des leicht scheuen Ü40-Publikums wenig Gedränge entsteht und man dem barfüßigen Steven Wilson genau auf die Finger schauen kann, ist der Moment perfekt.

Inklusive beider Hälften und Zugabe spielen Steven Wilson und seine Band über zweieinhalb Stunden und decken dabei Teile seiner kompletten Solo-Karriere ab. Bei fast jedem Song wird im Hintergrund das Musikvideo oder sphärische Aufnahmen von Wolken, Wellen oder Animationen projiziert – ganz sinnfrei war die Sitzplatzwahl also vielleicht nicht, um das Konzert als Gesamtkunstwerk zu genießen. Nach minutenlangen Standing Ovations verabschieden sich die fünf Männer vom Publikum mit der Ankündigung, am nächsten Tag ein komplett anderes Set zu spielen. Während er von der Bühne geht, lächelt Steven Wilson trotz seiner merklich guten Laune zum ersten Mal richtig an diesem Abend. Er mag der Nerd der Prog-Welt sein, ein Rockstar bleibt er trotzdem.

20180220214202.jpg