Konzertbericht: Rammstein in Gelsenkirchen

Ich habe mich auf den weiten Weg in den Ruhrpott gemacht, um endlich eine Band auf der Bühne zu sehen, bei der mir dieses Erlebnis bisher nicht vergönnt war. Dafür habe ich mir die Eröffnungsshow der diesjährigen Europa-Tournee ausgesucht, die Rammstein durch 24 Stadien in ganz Europa führen wird.

„Mercedes Benz und Autobahn, alleine in die Grube fahren“. Was Rammstein-Sänger Till Lindemann als Anspielung auf den Veranstaltungsort Gelsenkirchen in der ersten Strophe des einst vieldiskutierten Titels „Pussy“ singt, trifft gewissermaßen auch auf meinen heutigen Abend zu. Vor Ort auf dem Gelände der Veltins-Arena treffe ich mich aber dann mit meinen fünf Begleitungen, welche aus verschiedensten Himmelsrichtungen die Reise nach Gelsenkirchen per Auto und Bahn angetreten haben. Rund um die Multifunktionsarena und Spielstätte des FC Schalke 04 herrscht buntes Treiben bei strahlendem Sonnenschein. Hier und da erschallen dem Motto entsprechend härtere Klänge aus den Boxen und die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Bierwagen machen bereits gute Geschäfte. Der Zugang zum Stadion ist trotz personalisierter Tickets als Maßnahme gegen den Schwarzmarkt ungewöhnlich unkompliziert. Da wir den ersten Ansturm aufgrund unserer Sitzplatzkarten wohl schon verpasst haben, geht es für uns ohne großes Anstehen und nach problemloser Ausweiskontrolle durch die Tore und auf unsere Plätze auf der Haupttribüne.

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Beim Betreten der Arena klappt mir das erste Mal die Kinnlade herunter. Ich habe die von Rammstein für die Europa-Tournee konzipierte Bühne bereits im Vorfeld in den sozialen Netzwerken gesehen. Die wahrhaftige Größe der futuristisch anmutenden Bühnenkonstruktion ist jedoch schlichtweg gigantisch. In ihrer Höhe erreicht sie mittig beinahe das Tribünendach. Ich kann nur erahnen, zu welch spektakulären Effekten dieses Monstrum fähig sein wird. In dem bereits beinahe komplett gefüllten Innenraum stehen weitere Boxentürme. Noch aber trennen mich einige Stunden vom heißersehnten Spektakel. Vorerst eröffnet das Duo Jatekok pünktlich um 19:30 Uhr den Abend auf einer kleineren Bühne inmitten der Massen. Die zwei Französinnen begleiten Rammstein auf der gesamten Europa-Tournee und spielen Pianoversionen von bekannten Titeln der Band. Einige wenige Gäste lassen sich zum Mitsingen hinreißen, den meisten steht jedoch ein großes Fragezeichen auf der Stirn. Die Pianomusik des Duos ist wirklich gut, wirkt aber in dieser Situation komplett fehl am Platz. Zwischen den Stücken kreischen sie immer wieder „Rammstein! Rammstein!“ in ihre Mikrofone, sodass ich mir am liebsten die Ohren zuhalten oder nach Hause fahren möchte. Was tut man nicht alles...

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Um 20:30 Uhr rastet die Arena dann aber komplett aus. Die Pianoklänge des Duos sind bereits seit 15 Minuten verstummt, Fanfaren werden eingespielt und in Sekunden hüllt sich die Bühne in Nebel. Nachdem alle anderen Bandmitglieder die Bühne durch eine Luke im Boden betreten und aus dem Nebel getreten sind, schreitet Lindemann wie eine Lichtgestalt unter tosendem Applaus auf das Publikum zu. Die ersten Pyros sind bereits hoch gegangen und Rammstein eröffnen mit „Was ich liebe“ ihre erste Stadion-Tour. Der gesamte Innenraum ist von der ersten Sekunde voll da, Fäuste werden in den Himmel gereckt und im Takt geklatscht. Allein das Bild dieses riesigen Meeres an Menschen von der Tribüne aus zu beobachten ist ein Spektakel für sich. Da Rammstein aber gewohnterweise in Sachen Spektakel keine Konkurrenz dulden, fahren sie auch auf dieser Tour eine aufwändige und oft unglaubliche Bühnenshow auf. Die Boxentürme erweisen sich als multifunktional, speien Feuer und Rauch durch das offene Arenadach in den Nachthimmel, während „Links 2-3-4“ entrollen sich an ihnen rote Rammsteinfahnen. Der Innenraum sieht aus wie ein Truppenplatz und vor den aufmarschierenden Truppen aus tausenden Menschen gibt Till Lindemann den Marsch vor. Ich weiß meistens nicht wo ich eigentlich hingucken soll, während mir eines von Titel zu Titel immer bewusster wird: Es ist verdammt laut heute. Ich habe definitiv noch kein Konzert besucht, auf dem ich mich so früh geradezu nach Gehörschutz gesehnt habe.

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Wie zu erwarten war, finden viele Stücke des neuen Albums „Rammstein“ ihren Weg in die Setlist. Bereits früh spielt die Band „Sex“, „Tattoo“ und „Zeig dich“, „Diamant“ und „Ausländer“ folgen später im Set. Für die Titel der neuen Platte haben sich die Berliner neue Inszenierungen einfallen lassen. Während „Puppe“ schiebt Lindemann einen riesigen Kinderwagen über die Bühne, der am Ende in Flammen aufgeht. Vor dem eigentlichen „Deutschland“ läuft ein Remix des Titels, während vier in leuchtende Anzüge gepackte Menschen eine Choreographie tanzen. Wie man es von Rammstein kennt, begleiten Pyroeffekte das gesamte Konzert, die Lichtshow der Bühne ist atemberaubend. Die Flammen aus der Bühne und den Boxentürmen während „Sonne“ heizen die Arena immer wieder für Sekunden auf, „Mein Herz brennt“ untermalt ein brennender Bengalo auf Lindemanns Brust und Keyboarder Flake wird zu „Mein Teil“ fast schon standesgemäß mit einem Flammenwerfer in einem großen Kochtopf gegart. Meine Highlights sind aufgrund der Atmosphäre die beiden ruhiger gehaltenen Titel „Ohne dich“ und „Engel“. Hier fordert die Band das Publikum aktiv zum Flammenmeer aus vorher verteilten Feuerzeugen oder dem Anschalten der Handytaschenlampen auf. Das sich ergebende Bild ist gigantisch, die mit dem Duo Jatekok performte Version von „Engel“ lässt die Arena zum Chor mutieren. Gänsehaut pur!

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Eines ist mir immer bewusst, auf jedem Konzert und genauso im Leben: Alles was schön ist, muss vorbei gehen. Rammstein lassen zu „Rammstein“ und „Ich will“ noch einmal das komplette Stadion brennen. Aus einer Art Rucksack auf Lindemanns Rücken speien Flammen in alle Richtungen, die gesamte Bühne und alle Boxentürme im Innenraum brennen ununterbrochen. Das Publikum ist komplett außer Rand und Band und dem anschließenden Applaus ist anzumerken, wie schmerzlich es für jeden Einzelnen ist, die Band heute Abend gehen zu lassen. Rammstein fahren auf einer Art Balkon den mittigen Turm der Bühne hoch, bis ganz nach oben, um nach einem letzten Kanonenschlag spurlos zu verschwinden. So magisch, wie sie die Bühne betreten, verlassen sie diese auch. Dass die diesjährige Tour durch Europa mehrere hunderttausende Menschen begeistern wird, ist jedenfalls genauso sicher wie das Klingeln in den Ohren am Morgen danach. Was tut man nicht alles...

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