Konzertbericht: Haken, Vola und Bent Knee in Hamburg

Wer am heutigen Abend ganz bis zum Schluss im Uebel & Gefährlich bleibt, der kommt in vielen Fällen nicht mehr mit der Bahn nach Hause. Aber: Bei so viel Prog-Wahnsinn kann man schlicht kaum anders, als sich fesseln zu lassen.

Für eine so fantastische Tour wie die von Haken kann man durchaus ehrfürchtig dankbar sein. Allein schon für die Tatsache, dass sie den großartigen Bent Knee nach zehn Jahren Bandgeschichte ihre allererste ausgiebige Europareise ermöglicht. Dass das Sextett dabei nur 30 Minuten Spielzeit bekommt, ist fast schon ein kleines Verbrechen, aber immerhin schon so viel mehr, als man als norddeutscher Fan der Band in den letzten Jahren zu Gesicht bekommen konnte. Natürlich verzichten Bent Knee angesichts ihres kurzen Sets auf die ganz dicken Brocken wie „Eve“, spielen sich aber auch so mit ihrer herausragenden Spielfertigkeit, ihrem irren Mut zu halsbrecherischen Taktwechseln und ihrer genialen Klangfarben-Ästhetik in die Herzen des Publikums. Vor allem ist aber besonders, dass die Bostoner nicht nur einfach als verkopfte Nerds in ihrer Welt leben, sondern unfassbar sympathische Zeitgenossen zu sein scheinen. Besonders niedlich ist in diesem Zusammenhang wie Gitarrist Ben Levin und Bassistin Jessica Kion vergnügt miteinander kichern und tänzeln, während sie gerade im Vorbeigehen den nächsten wahnwitzigen 7/8-Takt einleiten. Ein famoser Auftritt, der mit tosendem Beifall konnotiert wird, obwohl Bent Knee klanglich eigentlich so gar nicht in das Umfeld der folgenden Prog-Metal-Kombos passen wollen.

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Bent Knee

Das funktioniert bei den nachfolgenden Vola schon besser, die nach gerade mal 15 Minuten rasantem Umbau ihr Set beginnen – kein Wunder, schließlich ist bei so viel technisierter Komplexität die Zeit für Stillstand äußerst knapp. Die Band ist heute nur zu dritt unterwegs, weil ihr Keyboarder Martin Werner aus persönlichen Gründen nicht die ganze Tour mitfahren kann – seine Parts kommen heute deswegen vom Band. Vola inszenieren die Vielschichtigkeit in ihren hymnischen Songs nicht durch verschlungene polyrhythmische Arrangements, wodurch ihre Musik um einiges stringenter, aber nicht weniger aufregend klingt. Das Trio erweist sich trotz seiner ungewohnten Besetzung als äußerst routiniert, Frontmann Asger Mygind scheint fast durchgängig zu grinsen – wohl auch, weil er sich beim Hamburger Publikum durchaus willkommen fühlt. Vola sind hier definitiv keine Unbekannten, sondern ernten von einem harten Fan-Kern aus den vorderen Reihen wissenden Jubel, wenn sie einen Track ihres Debütalbums ankündigen.

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Vola

Haken sind dann natürlich klar die Stars des Abends, die sich aber trotz ihrer brutal mutigen Musik definitiv nicht zu ernst nehmen. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass sie in der Umbaupause erst „Earth Angel“ aus „Zurück in die Zukunft“ und anschließend Marty McFlys Cover von „Johnny B. Goode“ in voller Länge laufen lassen. Das tatsächliche Bühnen-Intro der Band ist dann Rossinis Willhelm-Tell-Ouvertüre, die abrupt von tiefbebender Elektronik erschlagen wird – auch mal ein Statement. Frontmann Ross Jennings demonstriert während des Konzerts eindeutig, dass er weiß, wie man sich in Szene setzt. Stets untermalt er seinen Gesang mit großen Gesten und sucht die Nähe zum Publikum, ist sich dann aber auch nicht zu schade, um eine funkige Schwarzlicht-Plastikbrille aufzusetzen und dadurch eine frappierende Ähnlichkeit mir LMFAO-Rapper Redfoo zu erreichen. Vor allem aber lässt er seiner Band Platz, wenn es nötig ist. In langen Instrumentalpassagen verlässt Jennings gerne minutenlang die Bühne und überlässt seinen Kollegen damit die Aufmerksamkeit, die sie mehr als verdienen. Vor allem Keyboarder Diego Tejeida kostet dieses Angebot vergnügt aus, tritt aus seiner beeindruckenden Synthesizer Armada hervor und tauscht kurzerhand mit Jennings die Plätze, der nun an den Synthies weitermacht, während Tejeida mit einer herrlich trashigen 80er-Keytar genüsslich soliert. Die Zugabe beginnen Haken dann eine Viertelstunde vor Mitternacht und spielen nur noch einen Song. Der dauert allerdings 25 Minuten und fügt hinter jedes aberwitzige Schlusssolo noch ein weiteres an. Wer deswegen den Nachtbus nehmen muss, dürfte nicht allzu traurig sein.

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Haken