Konzertbericht: The Dirty Nil in Hamburg

Wenn Rock’n’Roll tot ist, dann ist der heutige Abend im Hamburger Headcrash die letzte Reinkarnation einer fast vergessenen Zeit. Aber die fühlt sich in jedem Fall auch heute noch großartig an.

Und zwar bereits bei White Trash, die den Abend eröffnen und kaum prägnanter die Attitüde zwischen rotziger Rebellion und überheblicher Selbstinszenierung auf den Punkt bringen könnten. Der Frontmann des Quintetts turnt wie ein irrer im Publikum herum, streichelt Zuschauern über den Kopf, präsentiert selbstbewusst seine Brust-Tattoos durch sein halboffenes Leoparden-Hemd und klettert zum Schluss des dreißigminütigen Sets sogar auf die Bar, um für eine Extraportion Rock’n’Roll-Glorifizierung zu sorgen. Diese ausufernde Eigenzelebrierung imponiert dem Publikum offenbar so sehr, dass ein Gast plötzlich die eigentlich dem Sänger zugeschrieben Funktion des Anheizers übernimmt und einen Circle Pit fordert – eine Einladung, die neben ihm noch zwei besonders motivierte Zuschauer dankbar annehmen. Da rückt die Musik von White Trash beinahe in den Hintergrund – kein Wunder, bleibt die doch insgesamt so konservativ, wie das retrospektive Auftreten der Bristoler vermuten lässt. Dem Publikum ist das relativ egal – sie haben eine Band gesehen, die weiß, wie man eine Live-Show ausspielt.

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White Trash

The Dirty Nil können das allerdings ebenso, und haben dazu noch eine regelrechte Armada aus grandiosen Garage-Rock-Hymnen zu bieten – die sie allerdings unter erschwerten Bedingungen darbieten müssen. Weil Bassist Ross Miller sich kurz vor der Tour die Hand gebrochen hatte, steht am heutigen Abend Billy-Talent-Bassist Jon Gallant an seiner Stelle auf der Bühne. Miller lässt sich allerdings trotzdem nicht davon abhalten, mit auf der Bühne zu stehen, und gibt in voller Proll-Montur mit Sonnenbrille und Army-Hose den offensichtlich dezent angetrunkenen Anheizer. Im Grunde gehört die heutige Show ihm. Er lallt die Ansagen zwischen den Songs sehr zur Belustigung aller mit voller Inbrunst ins Publikum, verspricht, The Dirty Nil würden heute mit Sicherheit eine Million Songs spielen, tanzt ausgelassen umher und legt sich zwischendurch an den Rand der Bühne, wenn er keine Lust mehr hat. Sein Vertreter an der Bassgitarre hält sich dabei angenehm zurück und zeigt keinerlei Starallüren, der Name seiner eigentlichen Band fällt heute Abend von Seiten der Musiker nicht einmal – ein angenehmer Zug. Das lässt The Dirty Nil Platz, ihre fantastischen Songs mit voller Wucht zu inszenieren. Wie gehabt funktioniert das am besten bei einer Hymne wie „Fucking Up Young“, bei der das Publikum aus voller Kehle mitbrüllen kann. Allerdings zeigt der Abend ebenso, dass sich „That`s What Heaven Feels Like“ vom aktuellen Album „Master Volume“ einen ähnlichen Status erarbeiten könnte. Nach etwas über einer Stunde und einem Fugazi-Cover ist der Abend schon vorbei – aber die fantastische Rotzigkeit von The Dirty Nil wird noch lange nachbeben.

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The Dirty Nil