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Konzertbericht: Drangsal in Hamburg

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Fr, 23.11.2018 - 13:26
Die Beziehung zwischen Drangsal und mir ist aktuell kompliziert. Deswegen hat dieser Abend in Hamburg vor allem einen Charakter der Versöhnung.

Es ist etwas über ein halbes Jahr, dass ich Max Gruber alias Drangsal einen nicht unbedingt wohlwollenden Artikel anlässlich seines zweiten Albums „Zores“ gewidmet habe. Dieser Verriss inklusive einer sehr plastischen Metapher über verdorbene Lebensmittel schlug vor allem dank der Verbreitung durch den Künstler selbst einige Wellen und brachte mir eine Reihe von liebreizenden Fan-Beleidigungen und zynischen Kommentaren auf den sozialen Netzwerken ein. Es fühle mich daher durchaus etwas suspekt, als ich heute vor den Toren des Uebel & Gefährlichs stehe. Das wird nicht unbedingt besser durch die Tatsache, dass ich bereits beim Betreten des Clubs an der großen Euphorie des Publikums unmissverständlich feststelle, dass ich mit meiner Enttäuschung über das neue Album ziemlich allein dastehe.

Woran ja auch absolut nichts auszusetzen ist. Die Berliner Noise-Rocker Pabst dürfen den heutigen Abend eröffnen und bekommen die sichtlich gute Stimmung des ausverkauften Uebel & Gefährlichs augenblicklich zu spüren. Die klirrenden Noise-Hymnen wollen musikalisch eigentlich so gar nicht zu dem süßlichen NDW-Post-Punk-Revival von Drangsal passen, trotzdem wird die Band gemessen an den Möglichkeiten eines Support-Acts ausgelassen gefeiert. Man ist ja immer gut beraten, Ansagen von Künstlern bezüglich der Großartigkeit des Publikums in Vergleich zu denjenigen aus anderen Städten mit Vorsicht zu genießen. Heute hätte man allerdings mehr als genug Anlass, Pabst glauben zu schenken, wenn sie sagen, dass die Stimmung in jeder Stadt der Tour immer höher gipfele. Viel warmherziger als beim heutigen Stopp kann es jedenfalls kaum werden.

Pabst

Pabst

Zumindest, bis Drangsal selbst auf die Bühne kommt, denn was der hagere junge Mann in der Puma-Trainingsjacke gerade im weiblichen Teil des Publikums auszulösen vermag, ist mehr als beeindruckend. Schon beim Soundcheck wird Gruber johlenden Kreischern bedacht, was er aber zunächst ganz professionell beiseiteschiebt. Als das Konzert dann aber schließlich wirklich beginnt, sucht Drangsal nicht die großen Gesten, sondern unterhält sich ganz familiär den Kontakt mit dem Publikum. Das leuchtende „Zores“-Z ist der einzige kleine Anfall von Großmut, den sich der Künstler heute erlaubt. Ansonsten kann man Grubers Witzeleien eigentlich nur sympathisch finden, selbst dann, wenn er nicht gerade zu Unrecht über den Eurovision Song Contest ablästert, dessen Teil er trotz überragendem Support seiner Community nicht sein wird.

Und wie geht es mir, dem miesgelaunten Drangsal-Hater, inmitten all diesem Trubel? Ich blicke dem Treiben zufrieden entgegen. Ich erinnere mich wieder, warum ich von „Zores“ eigentlich so enttäuscht war und immer noch bin: Drangsal ist eigentlich ein hervorragender Künstler, dessen Debütalbum mich sehr begeistert hatte. Deswegen freue ich mich heute auch immer am meisten, wenn Gruber einen alten Titel auspackt. Die neuen Songs können mich in ihrer braven und manchmal arg kitschigen Zuckrigkeit noch immer nicht packen, aber ich begreife langsam, warum man das toll finden kann. Die neuen Songs sind die klaren Fan-Favoriten, weil sie sich hervorragend mitsingen und tanzen lassen – und das, obwohl sie einer Ästhetik entsprechen, die so gar nicht dem aktuellen Zeitgeist folgt. Dieses Kunststück werde ich wohl in diesem Leben nicht mehr mögen, aber man muss neidlos anerkennen, dass es hervorragend funktioniert. Drangsal – ich bin gespannt, wie dieses Kapitel weitergeht.