XXXTentacion und „?“: Der Wahnsinn unserer Zeit

Die Musik und der Künstler sind so eng miteinander verwoben, dass aus der geplanten Besprechung ein Essay über XXXTentacion, den Zeitgeist und dem aktuellen Stand von Rap entstanden ist.
2e70e7b198acc3bb03aaba9424c5fb23fb38c536.jpg

2018 ist HipHop in einem nicht enden wollenden Strudel aus Trap und Cloud Rap gefangen. Abgesehen von willkommenen Ausreißern à la „DAMN.“ produzieren gefühlt 90 Prozent aller Rapper, immer wieder den gleichen Song. Gleichzeitig sehen sich auch Emo-Punk und Hardcore mit dem Problem einer kleiner werdenden Szene und älter werdenden Hörerschaft konfrontiert – macht sich ein junger Musiker aus den USA nun daran, beide Genres zu retten? Leider ist Musik hier nur die eine Seite der Medaille: „?“ wirft erneut die noch unbeantwortete Frage auf, wie menschenverachtend der Künstler/die Künstlerin sein darf, um die Musik genießen zu können.

Der für Außenstehende unübersichtlich wuchernden Kosmos an Soundcloud-Underground-Rap brachte in den letzten Jahren nicht nur Grammy-preisgekrönte, soul-beeinflusste Meilensteine wie Chance The Rappers „Colouring Book“ heraus, sondern ist mehr denn je ein Sammelbecken für Trap und Cloud Rap aller Art – oder, wie eingangs erwähnt, einer Art. Zu dem wohl meist beachtesten Künstler der jüngeren Vergangenheit zählt der 20-jährige Jahseh Onfroy, besser bekannt als XXXTentacion.

Seine so extremen wie zärtlichen Soundgebilde, getrieben von Depression und jugendlicher Wut brachte ihm in kurzer Zeit eine riesige Hörerschaft ein, die sich ungewöhnlich intensiv mit den emotionalen Abgründen ihres Idols identifizierte. Wie jedoch seine jungen Kollegen der aktuellen HipHop-Generation Lil Pump oder der kürzlich verstorbene Lil Peep gibt es quasi keinen Unterschied zwischen seiner Kunstfigur und dem in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Leben.


Mehrere Haftstrafen wegen Überfall und Körperverletzung mögen zur unvermeidlichen Biographie vieler Rapper sozial schwachen Ursprunges gehören, die Anschuldigungen der ihrer Aussage nach schwangeren Ex-Freundin von XXX vom September vergangenen Jahres (härteste Formen der Körperverletzung, physischen und psychischen Missbrauchs und sexueller Gewalt) gehören aber zu einer anderen Größenordnung an Menschenverachtung. Das alles kam nur ein paar Tage nach Veröffentlichung seines Debüt-Studioalbums „17“ ans Tageslicht, und wer noch immer an der Relevanz der Musik des allem Anschein nach gleichermaßen wahnsinnigen und schwerst depressiven Künstlers zweifelt:

Im August 2017 war XXX auf Spotify der meistgestreamte Rapper der Welt. Auf Snapchat, Interviews und nicht zuletzt auf Konzerten macht er seiner inneren Verzweiflung Luft und ähnelt in seinem künstlerischen Auftreten eher der Selbstdestruktivität Nirvanas als dem Hochglanz-Image eines Drake. Seit einigen Monaten befindet sich XXX allem Anschein nach auf dem Weg der Besserung und verbreitet statt blauen Augen lieber positive Botschaften. Die Zukunft wird zeigen, wie erfolgreich der Wandel vom Saulus zum Paulus von statten gehen wird.

„17“ polarisierte jedenfalls nicht weniger als seine Person selbst, denn während es von Kritikern ob seiner anarchischen Produktion und gewalttätiger und hochgradig sexistischer Inhalte häufig in der Luft zerrissen wurde, zelebrierten ihn seine Anhänger für die gnadenlose Offenlegung seines emotionalen Zustandes als roher und verletzlicher Geplagter seiner eigenen Dämonen – prominent gewürdigt hierzulande unter anderem von Indie-Rapper und Szene-Chamäleon Casper. XXX sei weniger verantwortlich für gesellschaftliche Verrohung oder als Mensch übermäßig zu verurteilen, er sei lediglich das Resultat von Rassismus und kaputter Jugend, die Menschen früher oder später zu Monstern macht.

Aus privilegierter, deutscher Sicht trifft es vielleicht Autor Frank Schätzing in seinem Roman „Der Schwarm“ indirekt auf den Punkt (selbstverständlich aus dem Kontext gerissen): „Vielleicht ist er gar nicht das Problem. Vielleicht ist er nur der Teil des Problems, den wir sehen.“ Hasse das Spiel, aber nicht den Spieler. Der bittere Nachgeschmack bleibt.
Fest steht, dass seine popkulturelle Bedeutung nicht mehr zu leugnen ist. „?“ ist wie wenige Alben des Jahres bisher fast schon erschreckend am Puls der Zeit.
XXXTentacion beweist spätestens mit „?“ die Hinfälligkeit sämtlicher Genrebezeichnungen, zeitgemäßer als es jede Crossover-Band je tat. Klinische oder, für ihn charakteristische, fiebrig verzerrte Trap-Beats wie „Floor 555“ treffen auf Akustik-Balladen („ALONE, PART 3“) und mit dem Emo-Hardcore-Brecher „Pain=BESTFRIEND“ ein Feature mit Blink-182-Drummer Travis Barker. Punk-Drums, abgründige Shouts und melancholische Gitarrenarpeggios erinnern mehr an den zerrissenen Post-Hardcore-Pathos von Being As An Ocean als an Autotune-Cloud-Rap. Und ganz nebenbei katapultiert der Rapper die Gitarre nach Jahren der Abwesenheit wieder mitten in den Mainstream.
Wie also umgehen mit einem frauenverachtenden Schlägertypen, der mit seinen 20 Jahren im besten Begriff ist, zum Idol einer ganzen Generation aufzusteigen? Welche Rolle und Verantwortung haben die Öffentlichkeit, welche Mittel haben sie überhaupt in der selbstbeherrschten Social-Media-Anarchie aus Snapchat und Instagram, in der die höchste Followerzahl auch die letzte Instanz bildet? Die erste Reaktion auf derartiges Verhalten wäre wohl Boykott - zurecht. Gesellschaftlicher Boykott ist es andererseits auch, der die Verbrechen eines XXX überhaupt erst möglich gemacht hat.

Das soll es nicht legitimieren, aber sehr wohl begründen, steht der US-Amerikaner nicht zuletzt auch an der Spitze einer verlorenen Generation in den USA. Was die ganze Debatte um Gewalt, Frauenverachtung und menschliche Verrohung braucht, ist Dialog, um die brodelnden Probleme nicht länger unter der Oberfläche zu lassen. Damit nach der Verurteilung vielleicht zum ersten Mal lösungsorientiert an den Konflikt herangegangen werden kann.
Musik gerät bei den gewalttätigen und menschenverachtenden Kontroversen eines XXXTentacion gerne in den Hintergrund, umgekehrt leider genauso. Zusätzlich zu den Verbesserungen des Rappers in puncto Straftaten der jüngeren Vergangenheit steht die Bedeutung eines wütend-depressiven, emotional zerrissenen und fast schon verstörend authentischen Künstlers für die Internet-Generation 2018, und die Frage, wie jeder und jede Einzelne mit diesem Wissen umgehen will. „?“ vereint als autarkes Kunstwerk auf grandiose Art und Weise auch musikalisch die Wut des Hardcore mit der modernen Trap-Bewegung. Als kommerziell erfolgreiches Abbild eines misogynen Straftäters steht es stellvertretend für den Wahnsinn des 21. Jahrhunderts.