Will Yip: Mein unbekannter Lieblingsproduzent

Ohne Will Yip sähe Steffens Liste der besten Alben in den letzten zehn Jahren wahrscheinlich deutlich anders aus. Er produzierte Bands wie La Dispute, Turnstile und Title Fight. Trotzdem kennt er erst seit kurzem seinen Namen.
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Der Run-For-Cover-Records-Bandcamp-Sale war für mein Teenager-Ich sowas wie Weihnachten und Ostern am selben Tag. Einmal im Jahr machte das Label aus Boston für kurze Zeit seinen ganzen Katalog zum selbst wählbaren Preis downloadbar. In meinem Fall bedeutete das, auf ihrer Seite bis ganz nach unten zu scrollen, alles auszuwählen, was irgendwie interessant aussah und dann jeweils beim Feld „Name your price“ die Ziffer 0 einzutragen. Rückblickend bin ich auch nicht stolz darauf, ein hart arbeitendes Indie-Label quasi zu beklauen, aber hey, ich war jung und hatte kein Geld.

Doch viele Alben, die ich mir in so einem Massendownload gezogen habe, habe ich mir dann kurz darauf auf Vinyl zugelegt (oder schenken lassen, wie gesagt, kein Geld), weil ich sie so gut fand. Auch durch die Veröffentlichungen anderer Labels wie Topshelf Records und Side One Dummy arbeitete ich auf ähnliche Weise. Und wenn ich beim Blick in die Liner Notes etwas aufmerksamer gewesen wäre, wäre mir ein Name aufgefallen, der scheinbar überall stand: Will Yip.

Will Yip hat gefühlt jedes Album produziert, das ich in der Mittelstufe gut fand: Title Fights „Floral Green“, vor dem moderner Hardcore für mich ein Buch mit sieben Siegeln war. „Jar“ von Superheaven, in dem ich den Grunge, der die ganze Schuld an meiner Musikleidenschaft trägt, wiederentdeckte. Pity Sex‘ „Feast Of Love“, das mich als in der Pubertät steckenden Jungen mit Namen und Cover zuerst verunsicherte, um mich dann mit einer perfekten Balance aus Melodie und Noise einzulullen. „Rooms Of The House“ von La Dispute und „Pale Horses“ von mewithoutYou, die mir eine bisher ungeahnte Komplexität des Albumformats eröffneten. Und natürlich „Peripheral Vision“ von Turnover, für mich ein perfektes Album.

Will Yip ist kein Produzent, der Künstler*innen seine Handschrift aufdrückt, sondern einen Raum bereitet, in dem sie mit den Möglichkeiten der alternativen Musik von Hardcore über Emo und Pop-Punk bis Shoegaze kreativ werden können. Physisch ist dieser Raum beheimatet in den Suburbs von Philadelphia, im Studio 4. Auf der beeindruckenden Liste der Künstler*innen, die dort vor Yips Karriere aufgenommen haben, stehen unter anderem Bob Dylan und die Fugees. Mit Lauryn Hill arbeitete er während eines Praktikums im Studio 4 sogar direkt zusammen. 2013 wurde er schließlich zum Miteigentümer und kann sich seitdem ein großartiges Album nach dem anderen in den Lebenslauf schreiben.

Neben den oben erwähnten Alben produzierte, mixte und/oder masterte er Bands, deren Qualitäten ich erst später zu schätzen lernte: Panic! At The Disco, Modern Baseball, Quicksand, Tigers Jaw, The Menzingers, Angel Du$t und viele weitere. Erwähnen muss ich unbedingt noch Turnstile, mit denen er am Post-Post-Hardcore-Meisterwerk „Time and Space“ arbeitete und abschließend Code Orange. Deren Album „Forever“ wurde 2018 für einen Grammy nominiert und ist überhaupt der Grund dafür, dass ich Will Yips Namen endlich kenne. Denn eine Grammy-Nominierung schlägt auch in einer unabhängigen Szene große Wellen. Viele Bands und Labels, denen ich folgte, gratulierten Yip dazu auf Social Media und als ich nachlas, wer das denn eigentlich ist, stellte ich fest, dass ich seine Arbeit seit fünf Jahren fast andauernd im Ohr hatte.

Vielleicht ist es auch ein Zeichen für einen guten Produzenten, dass er ein wenig unter dem Radar fliegt. Die Musikgeschichte hat gezeigt, dass große Egos im Studios selten auf Dauer funktionieren. Und ich möchte noch viel von Will Yip hören. Mittlerweile warte ich auch nicht mehr auf einen Bandcamp-Sale.