Split Me Asunder - reden wir über Lucas Woodland

Eine Kolumne über Alben, die in falschen Zeiten erscheinen und Songs, die zum Weinen bringen. Ein paar Zeilen zu einem Menschen, dessen Stimme mich durch die Tiefen des Lebens begleitet. Ein paar Gedanken zu Lucas Woodland.
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Lucas Woodland ist der Sänger von Holding Absence. Die haben 2019 ihr erstes Album veröffentlicht. Pünktlich zu einer schweren Beziehungskrise, die ich damals durchlebte, hat die Band also den perfekten Soundtrack dafür geschrieben und so wuchs mir ihr Album ans Herzen und ich freute mich natürlich auf das, was kommen sollte. Ich bestellte es vor und war richtig heiß drauf.

Dann starb, ohne jede Vorwarnung, mein Vater. Als das Album zwei Tage später erschien, wurde es automatisch auf meinen iPod runtergeladen und ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich zum Bäcker lief, um für meinen Bruder, meine Oma, meine Mutter und mich ein paar Brötchen zu holen, während das Album lief. Es ließ mich völlig kalt. Abgesehen von "Drugs And Love" habe ich keines der Lieder wirklich gemocht und es dauerte, bis ich mich wieder traute es anzuhören, wahrscheinlich auch, weil es so eng mit einem schweren Verlust einherging.

Dann erschien das Live-Video zu "Curse Me With Your Kiss".

Ich saß zu Hause, hab es auf dem Handy angeschaut und einfach mal eine halbe Stunde durchgeheult. Ich war so berührt von der Schönheit, die der Song, vor allem in dieser Version, inne hat und war gleichzeitig in eine Zeit zurückgeworfen, die mich nach wie vor beschäftigt. Aber ich konnte trauern. Ich konnte einfach mal kurz die Fassung verlieren. 

Und können wir mal bitte kurz darüber reden, wie genetisch gesegnet Familie Woodland offensichtlich ist? Neben Lucas ist bei der Live-Version auch seine Schwester dabei und beide sehen nicht nur umwerfend gut aus, sondern können auch beide wunderschön singen. Wären wir in einer Dystopie...ja okay, sind wir, aber ich meine einen Film, dann wären die zwei auf jeden Fall das Produkt eines Wissenschaftlers, um die perfekten Menschen zu schaffen. Aber das nur als Gedanke nebenbei.

Nach dem Live-Video habe ich mir das Album dann doch noch einmal nachträglich auf Vinyl gekauft. Natürlich war es überall ausverkauft und ich hab nicht wenig Geld bei Discogs gelassen um es noch zu bekommen. Kurz danach wurde eine Reissue angekündigt. War beim ersten Album übrigens genauso. Top. 

Jedenfalls ist mir das Album mit etwas mehr als einem Jahr Verspätung ans Herz gewachsen und ich freute mich schon auf die nächsten Releases. Dann wurde eine Split-EP mit Alpha Wolf angekündigt. Split-EPs sind eine nette Sache, da es Menschen dazu bringen kann, in eine Band reinzuhören, die sonst ignoriert werden würde. Alpha Wolf klingen für mich eher wie das Modelabel von Kollegah oder so, aber da ich Holding Absence mag, hab ich automatisch mal mit reingehört. Bisher hat es mich nicht interessiert, aber bei manch anderer Person dürfte es anders laufen. Na jedenfalls haben Holding Absence dort ihren neuen Song "Coffin" drauf. Und verdammt nochmal ist der grandios!

Lucas hat eine Stimme, die im Melodic Hardcore, wo sie ja irgendwie herkommen, ungeschlagen ist. Denn er kann wirklich singen. Versteht mich nicht falsch - ich liebe das Geschrei von Brendan Murphy und auch er weiß, wie mir eine Gänsehaut verpasst werden kann, aber die Sanftheit und Zerbrechlichkeit eines Lucas Woodland ist noch einmal eine ganz andere Geschichte. Und was er eben mit seiner Stimme bei "Coffin" macht, ist einfach Wahnsinn. So viel Gefühl und Dramatik durch seine Stimmbänder zu transportieren ist atemberaubend. Natürlich trägt die musikalische Untermalung bei dem Song immens zur Atmosphäre bei und neben all den Lobgesängen auf Lucas, möchte ich den Rest der Band hier auch einfach mal kurz erwähnen. Die wissen, wie geile, eingängige Melodien geschrieben werden und wahrscheinlich würde die Band sogar ohne Lucas funktionieren, aber er ist, meiner Meinung nach, derjenige der die Band durch seine Stimme trägt. Außerdem mag ich Sänger, einfach weil ich sehr auf die Texte achte, da diese mich am meisten berühren und der Drummer selten singt und kein Drum-Solo mich je zum weinen brachte. Aber wie gesagt. Die Band ist als ganzes geil. Das zeigte sich ja schon auf dem ersten Album, von dem einige meiner Lieblingssongs stammen, oder eben auch von der Split-EP mit Loathe, auf der "Saint Cecilia" war. 

Letztlich lässt sich sagen, dass Holding Absence-Alben immer dann erscheinen, wenn schreckliche Dinge in meinem Leben passieren und ein wenig frage ich mich schon, ob ich mich auf das nächste Album freuen soll oder doch lieber Angst haben sollte. Andererseits passieren in dieser Welt ständig grausame Dinge, ohne das wenigstens die Musik gut ist. Also hoffe ich einfach mal, dass die Band noch viele Jahre gute Musik macht und an Songs wie "Wilt", "Your Love (Has Ruined My Life)", "Drugs And Love" und eben "Coffin" anknüpfen kann. Gerne würde ich sehen, wie bombastisch und emotional aufrüttelnd die Band noch klingen kann und warte begeistert auf die nächste Gänsehaut und den bitteren Geschmack im Mund, wenn ich kurz davor bin ein paar Tränen über meine Wangen laufen zu lassen, einfach weil Lucas seine Stimme und seine Worte mit soviel Bedacht einsetzt, dass er es schafft Emotionen durch Kopfhörer zu transportieren. 

"Coffin" läuft seit Erscheinen auf Dauerschleife und das schreib ich hier nicht einfach nur, sondern meine es genauso. Mein neuer Laptop hat noch keinen anderen Song abgespielt und auch mein MP3-Player spielt aktuell nur das eine Lied. Ich bin mal wieder verliebt in ein Lied und das passiert recht selten. Normalerweise höre ich einen Song, wenn ich ihn mag, öfter, aber immer mit ein paar anderen dazwischen. Aber zwischen "Coffin" und mich kommt aktuell nichts. Nicht einmal Nine Inch Nails und das ist schon was Besonderes. 

Wer Holding Absence bisher noch nicht gehört hat, sollte dies sofort ändern und sich die Zeit nehmen, beide Alben und auch die Splits in Ruhe anzuhören. Ihr werdet es nicht bereuen. Ich höre jetzt noch ein paar Mal "Coffin" und gehe dann zum Spätdienst, nachdem ich gestern morgens um 6:30 aus dem Nachtdienst kam. Wenn euch diese Kolumne (oder JoeLumne?) also ein wenig merkwürdig vorkam, dann liegt es am kaputten Schlafrhythmus. Oder ich war schon immer so.

Bevor ich es vergesse. Der Titel der Kolumne beruht übrigens auf einem Video des YouTube-Kanals "Funhaus". Hat nichts mit der Band oder dem Song zu tun, aber bei dem Wort Split-EP musste ich eben an den Ausruf von Jon Smith aus dem Video denken. Ich kann das Video wirklich empfehlen, wenn ihr auf richtig dämliche Gespräche steht oder Rahul Kohli (Schauspieler aus "iZombie" und "Midnight Mass") mögt. Egal. Guckt es oder nicht, aber hört Holding Absence.