Jahresrückblick Kai 2021

2021 – was für ein Eiterpickel von einem Jahr. Im Limbo zwischen Lockdown und Lockerungshoffnungen bangte ich um die ein oder andere schmerzlich vermisste Konzerterfahrung. Ich bangte aber auch ab und zu meinen Head, denn trotz Allem gab es dieses Jahr sehr viel tolle Musik zu genießen.
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Album des Jahres

Schon als die Blackout Problems im Januar ihr Album “DARK” veröffentlichten, dachte ich insgeheim, die Frage nach dem Album des Jahres wäre damit gegessen. Aber dann kam der Oktober und mit ihm ein neues Album meiner Lieblingsband: Kein Jahresrückblick ohne Biffy Clyro! Letztes Jahr haben deren Landsmänner Idles mit ihrem absoluten Ausnahme-Album “Ultra Mono” noch einen drauf gesetzt und sich damit kurzfristig den Platz auf dieser Liste gesichert. Auch in diesem Jahr gab es wieder dieselbe Konstellation: Biffy Clyro bringen ein Album raus und einen Monat später erscheint die neue Idlesplatte. Diesmal behalten für mich die Weirdness-Päpste des Rock (Shoutout an Jonas von Minutenmusik für diese Formulierung) die musikalische Oberhand. “The Myth Of The Happily Ever After” ist das perfekte Gegenstück zu “A Celebration Of Endings”, und die drei Herren aus Ayrshire lassen endlich mal wieder ihrem ganzen Riffwahnsinn freien Lauf. Großartig!

EP des Jahres

Was kommt raus, wenn man drei lächerlich talentierte Musiker, einen grandiosen Pianisten und ein kleines Orchester in ein Studio schmeißt und das ganze ein paar Wochen ziehen lässt? Offenbar die beste EP des Jahres. The Hirsch Effekt veröffentlichen im Sommer 2021 mit “Gregær” ein 4 Tracks starkes Pandemieprojekt in Zusammenarbeit Pianist Anthony Williams und 17 weiteren Musiker:innen aus Hannover. Die drei alten Songs erklingen in einem neuen, orchestralen Gewand, dass The Hirsch Effekt einerseits so zugänglich wie nie zuvor macht, und andererseits das schier unbegrenzte Potenzial aufzeigt, das in der Kreativität dieser drei Musiker steckt. Der wahre Star der EP ist der neue und namensgebende Song “Gregær”, der die Härte der Band und die Orchesterdramatik perfekt verbindet.

Liveerlebnis des Jahres

Meine Konzertbilanz in diesem Jahr ist zwar besser als im letzten, aber immer noch erschreckend gering. Vier Shows habe ich gesehen, davon drei in Osnabrück und eine in Hamburg, allesamt gefesselt an eine Bierzeltgarnitur. So traurig das auch ist, ich habe jede Sekunde genossen. Der Höhepunkt der Konzert-“Saison” war die Show der bereits preisgekrönten Band The Hirsch Effekt auf dem Hafensommer in Osnabrück. Trotz (oder vielleicht gerade wegen) des verhängten Moshpitverbots gingen die anwesenden Metaller schnell dazu über, sich ausufernde Mengen vergorenen Getreidewassers in die Birne zu stellen, was für eine ausgelassene Stimmung sorgte. Als The Hirsch Effekt dann ihre Show begannen, verwandelte sich mein amüsiertes Lächeln in ein klaffendes Loch des Erstaunen. Diese Brachialität auf Platte zu hören ist das Eine, zu sehen wie die Drei das live reproduzieren, etwas ganz Anderes. Das war trotz widriger Coronaumstände eines der besten Konzerte, die ich je gesehen habe!

Neuentdeckung des Jahres

Als es im Spätsommer 2021 so aussah, als hätten wir diese bekackte Pandemie weitestgehend im Griff, war es sogar möglich, in andere Länder zu fahren. Ich habe diese schmale Zeitfenster genutzt, um eine Freundin in Irland zu besuchen und mir im Zuge dessen den ganzen südlichen Teil des Landes anzuschauen. Neben der wahnsinnig schönen Natur und den unfassbar netten (wenn auch manchmal sehr schwer zu verstehenden) Menschen habe ich dort auch irische Musik lieben gelernt. Nicht nur, dass an jeder Ecke Straßenmusik auf einem Niveau und mit einer Kreativität stattfindet, bei der Henning May am Klavier kalte Füße bekäme, die irische Volksmusik hat im Gegensatz zur deutschen tatsächlich brauchbare Künstler:innen hervorgebracht. Post-Trad ist die modernisierte Form des traditionellen Irish Folk und voll mit Bands, die ihre Instrumente bis zu Virtuosität beherrschen. Meine liebsten Vertreter:innen sind die Band MOXIE, die mich auch nach dieser Reise mit ihren beiden Alben begleitet haben.

Enttäuschung des Jahres

Gott was hatte ich mich auf die neue Platte von Twenty Øne Pilots gefreut. Und ja ich weiß, das ist bestimmt alles wieder wahnsinnig geil durchdacht und mit Sicherheit gibt’s da ne Menge zu entdecken, aber dieser kantenlose Pseudo-Indie-Sound verbaut mir da einfach jegliche Motivation, mich näher mit dem Kontext zu beschäftigen. Ich hör dann lieber einfach weiter “Trench” und frage Nico Laska, ob er mir als Follow-Up zu unserer Deep-Dive-Podcastfolge einfach alles wichtige über dieses fad schmeckende vierte Album erzählen kann.

Größte Vorfreude auf 2022

Wie in meinem Artikel für diesen Themenmonat bereits erwähnt, halte ich Zeal & Ardor für einen der spannendsten Künstler:innen, die im Moment Musik machen. Die bisherigen Singles von seinem im Februar diesen Jahres erscheinenden Album haben mich in dieser Ansicht nur noch bestätigt. “Bow” ist für mich der heftigste Song, der dieses Jahr rausgekommen ist, und ich bin mir sicher, dass “Zeal & Ardor” eines der heftigsten Alben 2022 wird.

AdW-Moment des Jahres

Seit ich in diesem wahnsinnig charmanten Laden angefangen habe, mein mentales Wirrwarr in den Äther zu pusten, merke ich ständig, wie sehr mich dieses Fanzine bereichert. Ich durfte 2021 wegen AdW viel neue Musik kennenlernen, und immer öfter auch die Menschen hinter dieser Musik. Meine Interviews mit Unbite und Tristesse zähle ich in diesem Jahr zu den schönsten Erfahrungen, die ich in diesem Kontext machen durfte. Die besten Momente bleiben aber dennoch die analogen… 

Nachdem 2020 nicht nur was Album der Woche angeht ein sehr von Online-Kommunikation geprägtes Jahr war, ergaben sich in diesem Jahr endlich mal wieder Gelegenheiten, ein paar Nasen aus dieser Redaktion in der Realität zu sehen. Der Höhepunkt dieser Gelegenheiten war zweifelsohne das Pegasus Open Air, bei dem wir zusammen neben einigen tollen Konzerten (ohne Bierbänke, yay) auch einen wunderbaren Tag im Backstage und eine hochgradig unterhaltsame Podcast-Aufnahme erfahren haben. 10 von 10, nächstes Jahr öfter <3