Die Kunst vom Künstler trennen: Vom kulturellen Erbe moralischer Versager

Was haben Michael Jackson, Ian Watkins und Albert Einstein gemeinsam?
Michael Jackson

Vor ein paar Tagen forderte ich meine Redaktionsmitmenschen zu einer Stellungnahme auf. Die Frage war: „Die Kunst vom Künstler trennen - sich Kinderficker- und Vergewaltigertunes schön reden oder ausgeklügelter Fluchtplan aus einem moralischen Dilemma?“ Rabiatheit und Raubeinigkeit der Frage waren beabsichtigt und sollten provozieren. Offenbar verschreckten sie eher, denn Feedback war quasi nicht vorhanden. Ja, ich prangere das in dieser Kolumne an, aber es ist kein Vorwurf an meine Redaktionsmitmenschen. Niemand setzt sich gerne damit auseinander. Denn aus zugegeben oft vertrackten Einzelfallbetrachtungen wird ein immer undurchsichtigeres Wirrwarr aus moralischen Messlatten. Die Liste an Betroffenen ist allein im Sektor der Musik lang. Neck Deep, Tool, XXXTenacion, Brand New, Lost Prophets, R. Kelly, Capsize, Michael Jackson, Sorority Noise, Tiny Moving Parts, Wolf Down und Front Porch Step sind nur zwei Handvoll die mir sofort ohne weitere Recherche einfallen – von der langen Liste der Beschuldigten in Hollywood ganz zu schweigen.

Vorwürfe sexuellen Missbrauchs sind an sich schon ein schwieriges Thema, doch leider auch eines, welches seit mittlerweile mehreren Jahren auch in meinem Dunstkreis vermehrt Aufmerksamkeit erfährt und Raum und Zeit in meinem Denken einfordert. Mein Erstkontakt mit dem Problem eines Künstlers beziehungsweise einer Band, welchem ein Sexualdelikt vorgeworfen wurde, war die Geschichte um Ian Watkins, seines Zeichens Frontmann von Lost Prophets. Ich hatte diese Band 2011 gerade erst für mich entdeckt, als die mediale Präsenz der Pädophilie-Vorwürfe rapide zunahm. Ich zweifelte an seiner Authentizität und empfand die Vorwürfe als ekelerregend und furchtbar. Später las ich die gesamte Anklageschrift und die zugehörigen Sachverhalte und musste kotzen. Ian Watkins, Frontmann einer erfolgreichen Band, stets im Scheinwerferlicht und auf den großen Bühnen ohne Zweifel Träger einer Vorbildfunktion, wurde schlussendlich wegen des Besitzes und der Herstellung von Kinderpornografie, des Geschlechtsverkehrs mit einem Einjährigen, der Planung von Vergewaltigung weiterer Babys und ähnlichen Sachverhalten in 13 (!) Fällen für schuldig befunden. Auch wenn die Sachlage in diesem Falle eindeutig zu sein scheint, erreicht die Band noch immer täglich knapp 18.000 Streams auf Spotify. Dass man mit Spotify-Streams als Künstler ein wenig Geld verdient, ist keine Neuigkeit. Und ja, es mag vertretbar scheinen zu argumentieren, dass der Rest der Band ebenso am Schaffenswerk beteiligt war und nicht finanziell mit abgestraft werden sollte beziehungsweise müsste. Doch wem läuft es bei dem Gedanken nicht eiskalt den Rücken herunter, dass dort dieselbe Stimme singt, die Mütter überredet hat, ihre Kinder für den Dreh von Kinderpornographie zur Verfügung zu stellen, die Minderjährige nötigend aufgefordert hat, sich zu entkleiden oder sogar noch Obszöneres von sich gab? Die von Stray From The Path im Song „D.I.E.P.I.G“ aufgewiesene Kompromisslosigkeit diesbezüglich erscheint in jedem Atemzug nachvollziehbar. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen heißt es dort:

„Hey predator, what do you say?
Did you land a girl half your age? [...]

Taking out the trash, leave it on the front porch step
Thought you were god, Bitch you’re just a lost prophet
And I’ll stop dropping names when you stop using fame
To prey on pretty little girls like a sick fucking game […]

Smile, blue ribbon for the P-I-G
Take him out to the slaughter house, its time for you to D-I-E.“

Ian Watkins ist ein krasser Fall. Aber auch einer der wenigen bekannten, die tatsächlich gerichtlich verhandelt und entschieden wurden. Die britische Pop-Punk-Band Neck Deep löste ein ähnliches, weniger drastisches Problem für sich, indem sie das betroffene Bandmitglied aus der Band warf und ohne Umschweife weitermachte.

Bei vielen, vielen anderen Künstlern liegt es allerdings beim Gewissen, Moralempfinden oder Ethikverständnis – wie auch immer man es nennen mag – des Hörers oder schlimmer noch des Fans, für sich selbst zu entscheiden, wie er derartige Vorwürfe bewertet und wie er damit umgeht.. Und dort fehlt oft jede Spur von Eindeutigkeit. Im Falle von Maynard James Keenan trifft es die weltweit bekannte Progressive-Metal Band Tool. Über einen anonymen Twitteraccount wurde geschildert, wie eine Vergewaltigung an einer damals 17-jährigen abgelaufen sein soll. Natürlich wurde die Story heiß diskutiert. Anknüpfend brachten Fans und Konzertbesucher Geschichten ins Spiel, die die Anschuldigungen stützen oder annullieren könnten. Keenan selbst streitet alles ab und scheinbar ist in kürzester Zeit Gras über die Sache gewachsen. Ist ein Star dieses Kalibers vielleicht auch einfach unberührbar?

Es gibt jedoch auch die Geschichte von Sorority-Noise-Frontmann Cameron Boucher, welcher sich nach den Vorwürfen einer Vergewaltigung sofort zurückzog und offenbar das Gespräch mit der Anklägerin suchte. Später postete er ein mit ihr abgesprochenes Statement, aus welchem herausklingt, dass er nicht hundertprozentig korrekt gehandelt hat, sie die Anschuldigung in ihrer Drastik aber zurücknimmt und er sich einer entsprechenden Therapie unterzieht. Ähnlich liegt der Fall beim Gitarristen der Band Tiny Moving Parts. Dylan Mattheisen nahm zuerst Kontakt mit der Anklägerin auf und suchte das Gespräch, aus welchem ein entschuldigendes, versöhnliches Statement resultierte. Sorority Noise brachen ihre Tour nach den Anschuldigungen ab und pausieren seitdem. Tiny Moving Parts sind weiterhin aktiv. Alles in allem haben die Songs dieser beiden Bands jedoch einen weniger faden Beigeschmack, als es bei Tool und Lost Prophets der Fall ist. Letztere sind für mich persönlich zumindest unhörbar geworden.

Ich sprach bis hierhin viel vom menschlichen Versagen einzelner Künstler und ihren Umgang mit entsprechenden Vorwürfen auf der einen Seite und was das für den Hörer ihrer Musik bedeutet beziehungsweise bedeuten kann auf der anderen. Ich möchte versuchen, dieses Gefühlswirrwarr etwas auszudifferenzieren. Dazu werde ich im Folgenden nicht nur Musiker beleuchten, sondern auch Wissenschaftler, Autoren und andere Berühmtheiten.

Wie gehen wir mit Künstlern um, die moralisch Verwerfliches tun?

Die Kunst vom Künstler trennen – ein ebenso notwendiger wie unmöglicher Kniff

In einer nicht lang zurückliegenden Auseinandersetzung mit einer Bekannten fragte ich in Reaktion auf einen Tool-Hype-Post, wie sie mit den Anschuldigungen gegen Keenan umgeht. Ihre kurze, fast schnippische Antwort war: „Indem man Kunst und Künstler trennt.“ Ich war dezent vor den Kopf gestoßen und meine erste emotionale und physische Reaktion war „das geht nicht, das ist unmöglich.“ Alles in mir sträubte sich gegen diese Trennung. Aber ich atmete durch und begann, mich damit auseinanderzusetzen. Das Beispiel Lost Prophets taugt an dieser Stelle nicht, das Urteil ist in Stein gemeißelt, Watkins hatte auf schuldig plädiert – ok. Ich wandte mich anderen Künstlern zu. Tool war ein guter Anfang und ich kam schnell zu dem Schluss, dass ich es zwar einerseits nicht für unbedingt richtig erachte, es aber nicht unmöglich scheint, durch das abstrakte Hörerlebnis einen Song und das in ihm oder durch ihn vermittelte Gefühl von etwaiger moralischer Verwerflichkeit im sonstigen Treiben des Künstlers zu absorbieren. Andererseits kann man die Trennlinie auch etwas verlagern und Separation erschweren. Denn wenn die Trennung oben zwischen Mensch und Musik ermöglicht wurde, so scheint die Spaltung von Musik und Musiker schon schwerer. Es ist nachvollziehbar, dass nicht alle Facetten des Künstlers als Mensch in die Musik einfließen. Doch in seiner Rolle und Funktion als Musiker tun sie es. Und an dieser Musikerseite hängt der Mensch noch dran, irgendwie lässt sich das nicht so ganz voneinander lösen.

Betreffen solche Vorwürfe einen verstorbenen Künstler, sieht das nochmals anders aus. Man möchte über seine eventuellen Schandtaten eher hinwegsehen oder sie ihm sogar verzeihen, denn er hat ja im Tod seine gerechte Strafe erhalten – wenn man so will. Doch derlei Justizdenken oder umgekehrt Heroisierung wirkt auf mich eher lächerlich. Auch wenn ich intuitiv denselben Drang verspüre. Was nützt es, einen Toten zu verurteilen? Nichtsdestotrotz ist es sehr traurig, wenn wie zum Beispiel im Falle des Rappers XXXTenacion post mortem ein Geständnis auftaucht, in dem er zugibt, seine Freundin terrorisiert zu haben.

Wenn es jedoch um Stars geht, gegen die sehr harte und konkrete Anschuldigungen vorgebracht wurden und werden, möchte die Abscheu nicht recht weichen, geschweige denn die Milde im Urteil Einzug halten. Es geht um Michael Jackson, von dessen Genitalbereich mehrere Kinder detailgetreue Zeichnungen anfertigen konnten. Ist man dazu in der Lage, wenn man im Bett des Weltstars nur Jenga gespielt hat? Die kürzlich erschienenen und medial debattierten Konzertaufzeichnungen in der Doku „Leaving Neverland“ enthalten Indizien dafür, welche unfassbare Machtausstrahlung Jackson auf Massen hatte. Dies befeuerte die Missbrauchsvorwürfe erneut und vermitteln ein durchaus ekelhaftes anmutendes Bild des Charismas und Charakters des King of Pop. „Himmel und Erde werden vergehen, aber die Musika bleibet bestehen“ - auch Jahre nach seinem Ableben tobt die Debatte um seine Vergehen an Minderjährigen, die Analyse seines Massenmanipulationsverhaltens und das Rütteln an seinem Thron. Doch was nützt es, einen toten König zu stürzen? Sein musikalisches Lebenswerk steht in der Hall of Fame vermutlich noch über den Beatles und nur knapp unterhalb Mozarts und Bachs. Und dieses kulturelle Erbe ist es, das dem Hörer bleibt. Entweder er setzt es in Bezug zur Person, die es kreierte, oder eben nicht.

Das Live-Momentum

Bei solchen Künstlern, die noch unter uns weilen, gibt es jedoch ein Momentum, in dem die Trennung von Künstler und Kunst eine unlösbare Aufgabe bleibt. Noch nicht allzu weit entfernt ist der Fall von R. Kelly, der in insgesamt zehn Fällen wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurde und dessen Deutschlandshows auch durch das Mitwirken öffentlichkeitswirksamer Petitionen abgesagt wurden. Auch, wenn sich der Veranstalter des Konzerts in Hamburg bis gestern (05.04.19) dazu Zeit ließ. Einiges Fans wird das mächtig ans Bein pissen, keine Frage. Doch gibt es einen kleinen Einblick in das kollektive Gewissen beziehungsweise das Moralempfinden unserer Gesellschaft. Denn bei einem Konzert, bei welchem der Künstler in Persona vor einem auf der Bühne steht und seine Kunst präsentiert, seine Songs performt und singt ist das Produkt „Song“ bzw. allgemeiner ausgedrückt „Musik“ nicht mehr vom Musiker zu trennen. Was in abstrakter, losgelöster Weise beim reinen Hörerlebnis noch funktionieren mag, erleidet einen entscheidenden Verlustfaktor in einem solchen Live-Ereignis. Ich gestehe jedem zu, dass auch „Bump N‘ Grind“ von R. Kelly ein persönlich wichtiger Song sein kann, der durch die individuelle Lebensgeschichte emotional aufgeladen wurde und dessen Gefühlswelt in keiner Verbindung zu den sexuellen Vorlieben des Sängers oder der Band steht. Aber dann zuzusehen oder sogar mitzufiebern, wie eben dieser Sänger live und in diesem Moment deines Lebens diesen Song trällert, sollte auch an den losesten Gewissen rütteln. Die vorher so fein filetierend vorgenommene Trennung lässt sich spätestens in diesem Moment nicht mehr aufrechterhalten. Es ist dieselbe Hand, die das Mikro hält und andere Menschen verstört hat und dieselbe Stimme, die jemanden zutiefst verletzt hat und nun vor dir rumfuchtelt und dein Lieblingslied singt.

Konzerte - das Ende innerlicher Distanz zum Künstler?

Das kulturelle Erbe

Ein Live-Momentum ist ein schlagendes Argument – und doch gibt es Stimmen, die plump gegen solcherlei Vorwürfe anreden und die Frage, die ich oben über Meynard James Keenan stellte, bejahen. Sie werden vom Tisch gefegt, indem man die herausragende Leistung, die der Beschuldigte vollbracht hat, betont. Man gleicht Verwerfliches mit Herausragendem aus. Ein Star des Kalibers wie Keenan oder Jackson ist unberührbar. Kann alles machen. Ist egal. Der macht einfach gutes Zeug. Genau so lautet das Urteil seines Vereins über Cristiano Ronaldo, der sich mit den Vorwürfen, zwei Frauen vergewaltigt zu haben, konfrontiert sieht. Und sein Verein ist nicht irgendein Siebte-Liga-Bumsladen, sondern Juventus Turin. Dieser twitterte:

„Ronaldo has shown in recent months his great professionalism and dedication, which is appreciated by everyone at Juventus.The events allegedly dating back to almost 10 years ago do not change this opinion, which is shared by anyone who has come into contact with this great champion.“

CR7 ist ein Champion, es ist egal, wen er vor einer Dekade unsittlich berührt, genötigt und gezwungen hat. Man kann darüber hinwegsehen, dass derselbe Fuß, der legendäre Tore schoss, Menschenrechte mit Füßen getreten haben könnte. Wenn eine so öffentlichkeitswirksame Institution wie der Fußballverein Juventus Turin ein solches Moralverständnis vermittelt, hat das nichts mehr dem doch sehr löblichen Grundsatz aus der Zeit der Hexenverbrennung „In dubio pro reo“ zu tun. Denn die Unschuldsvermutung setzt voraus, dass überhaupt versucht wird, diese zu widerlegen. Es besteht jedoch ein Unterschied zwischen Keenan, anderen Musikern und Cristiano Ronaldo: Letzterer trägt nicht wirklich zum kulturellen Erbe der Menschen bei.

Es ist nicht unbekannt, dass auch andere Größen menschliche Ekel waren – Albert Einstein, der Erdenker der Relativitätstheorie und einer der größten Physiker des 20. Jahrhunderts zum Beispiel. "Ich behandle meine Frau wie eine Angestellte, der man nicht kündigen kann", so der Nobelpreisträger in einem Brief. Im Juli 1914 schickt er ihr einen Brief, in dem er Bedingungen aufstellt, unter denen er bereit ist, die Ehe weiterzuführen. Nach neun Jahren Ehe betrügt Einstein Mileva dann mit seiner Cousine Elsa. Und doch lassen sein Beitrag zum Fortschritt und zum Wissensbestand der Menschen dieses zwischenmenschliche Versagen und das Leid, das er seiner Familie antat, verblassen. De facto wissen die wenigsten wohl überhaupt, was für ein Scharlatan Einstein abseits des sympathischen Bilds mit herausgestreckter Zunge war. Aber an seiner Leistung kann die Kenntnis davon auch nichts weiter ändern. Das liegt aber daran, dass naturwissenschaftliche Erkenntnis noch eher an Maßstäben von richtig und falsch als künstlerisches Schaffen bemessen werden kann. Nur weil Einstein seine Frau herabwürdigte, wird e=mc² nicht plötzlich falsch.

Auch nicht naturwissenschaftliche Wegbereiter müssen sich moralische Fragwürdigkeit vorwerfen lassen. Im antiken Griechenland, zu Zeiten der großen Philosophen wie Platon und Sokrates gab es ein Ideal der Päderastie, das wiedergegeben werden kann als „gibst Du mir Weisheit, gebe ich Dir Sex.“ Akzeptabel sei nur eine Beziehung, in der beides zusammentreffe: die Bereitschaft des älteren Weisen, den Jüngeren von seiner „Weisheit“ profitieren zu lassen, und der Wille des Jüngeren, zu lernen. Doch die Werke Sokrates‘ werden bis heute zitiert und pädagogisch genutzt. Und das nicht zu Unrecht, möchte man meinen. Der weltbekannte Psychiater und Philosoph Karl Jaspers schrieb: „Sokrates vor Augen zu haben ist eine der unerlässlichen Voraussetzungen unseres Philosophierens.“ Dabei gestand Sokrates sogar, erkannte das gegen ihn verhängte Todesurteil wegen angeblich verderblichen Einflusses auf die Jugend sowie Missachtung der Götter an und trank den todbringenden Schierlingsbecher. Sein überliefertes kulturelles Erbe jedoch überdauerte viele Monde – und auch seine Päderastie.

Dabei ist ein naturwissenschaftliches Gesetz, welches sich mehrfach als korrekt erwiesen hat, quasi unanfechtbar. Philosophische Theorien und Argumentationen hingegen können vor dem Hintergrund fragwürdiger moralischer Vorstellungen der Erdenker erneut hinterfragt und diskutiert werden. Ähnlich scheint der Fall bei den großen Musikern und Musikstücken zu liegen. Denn die Bedeutungsschwere und die Wichtigkeit von Musik obliegt hinsichtlich des kulturellen Erbguts der Instanz des kollektiven Gedächtnisses und Gewissen. Wie die Menschheit beziehungsweise die große Mehrheit den Wert bemisst, so wird er ausfallen.

Die Möglichkeit der Umdeutung

Als Beispiel für einen solch möglichen Bedeutungswandel dient uns der Wirbel um Brand New und die Vorwürfe, denen sich Sänger Jesse Lacey ausgesetzt sieht. Zwei minderjährige Frauen soll er direkt nach Nacktfotos gefragt, via Skype vor ihnen masturbiert und sie auf Konzerten unsittlich angefasst haben. Auf Facebook entschuldigte sich Lacey ausführlich – und beweist in seinem langen Statement nur einmal mehr seine empathische Unfähigkeit. Die Zeilen sind geprägt von Narzissmus und der subtilen Entschuldigung, dass er eben so sei (Lacey gibt zu, süchtig nach Sex zu sein) und nicht wusste, was er tat oder eben nicht anders konnte. Und nun soll noch mal jemand behaupten, der Text von „Sic Gloria Transit … Glory Fades“ bekäme in diesem Licht nicht einen gänzlich anderen Kontext und schimmligen Beigeschmack. Denn das kreative Gedankengut, emotional geprägte Aussagen oder Geschichten, die Künstler erzählen sind auf der einen Seite klar nur die ihren und müssen nicht 1:1 vom Hörer übernommen werden. Einen guten Song zeichnet ja auch eben dies aus: dass jeder sich selbst darin finden kann. Doch sind solche Äußerungen eben auch subjektiv bewertbar und als falsch bewertbar. Dass das Urteil eines Hörers kein objektives ist und niemals sein kann, ist klar. Auch Lacey hat Fans auf seiner Seite. Eine Nutzerin kommentiert sein misslungenes Statement: „I believe people can change and forgive themselves. I’m enjoying the latest album despite recent events. Please keep it going.“ Sie betont, dass ihr die Anschuldigungen bekannt sind, dass sie aber darüber hinwegsehen kann. Dabei ist der Fall sogar klarer als der von Cristiano Ronaldo, da Lacey seine Schuld und sein Versagen eingesteht. Aber ein Musikstück ist doch auch immer noch ein Stück Kultur. Sollte für Brand New also dasselbe gelten, wie für Einstein und Sokrates? Ja und nein. Normativ sollte dasselbe gelten, faktisch tut es das aber nicht. Denn die veränderte Konnotation von „Sic Gloria Transit … Glory Fades“ ist doch viel leichter zu verkraften, als die Hässlichkeit, die John Lennons Schaffen in den Beatles und auch Solo inne liegt. Der Rolling Stone beschrieb sein Soloalbum „Imagine“ als das „größte musikalische Geschenk an die Welt", im gleichnamigen Song fantasierte der Ex-Beatle über eine Welt ohne Leid und Böses. Gleichzeitig war John Lennon aber auch der Mensch, der es bereute, keine Versuche unternommen zu haben, mit seiner Mutter sexuell zu verkehren oder seine Freundinnen manipulierte und betrog. Es ist, wie ich bereits sagte „Himmel und Erde werden vergehen, aber die Musika bleibet bestehen.“ Wie man dieses Stück bewertet, bleibt jedem selbst überlassen.

Drei weitere Beispiele, die die Schwierigkeit in der Verschiedenheit der Urteilsmaßstäbe exemplarisch zeigen, sind Kevin Spacey, der in vielen Klassikern der jüngeren Film- und Fernsehgeschichte hervorragende schauspielerische Leistungen zeigt, Louis C. K., einer der gefeiertsten Stand-Up-Comedians und Autoren, der, wenn er von seiner Tochter erzählt, regelrecht putzig wird und die katholische Kirche, die seit Jahren oder eher Dekaden Priester deckt, die Minderjährige missbrauchen. Eskalierte zeitnah? Sicher, aber jeder verurteilt die Kirche, die so sehr gegen ihre eigenen Werte verstößt, wie gegen die des menschlichen Miteinanders – ob gesetzlich festgehalten oder nicht. Aber Louis C. K.? Sein Comeback ist im Kommen. Kevin Spacey? „Ach, der Film ist doch alt, das war doch davor!“ Aber wie trennt man einen Schauspieler oder seine schauspielerische Qualität von dessen Körper?

No king but me

Es ist nicht leicht und wird nicht leichter. Letztlich liegt das Urteil immer beim Hörer, seinen Vorlieben und seinem Moralverständnis. Unter abstrakten Umständen kann man einen Song vom Interpreten trennen und eine Aufnahme mit eignen Erinnerungen, Werten und Emotionen besetzen. Einen Song jedoch Face-to-Face mit einem Künstler der anderen Mitmenschen nachweislich oder vermutlich oder auch nur vielleicht mächtig wehgetan hat zu zelebrieren, erfordert meines Erachtens noch mal ganz andere Gewissenszüge. Es ist gut, dass derlei Debatten vermehrt in die Öffentlichkeit getragen werden können. Manch einer mag es schade finden, dass das Internet einen auch als Fan nicht verschont und einem die unschönen Geschichten unter die Nase reibt. Aber auf diese Weise wird zumindest das Urteilsvermögen des Hörers immer wieder auf den Prüfstand gestellt und gefragt. In Zeiten ohne Myspace, Facebook, Twitter und mobilen Kameraaugen überall schien ein Interpret insgesamt noch weniger mit seiner Kunst verstrickt. Die Permanenz der Präsenz der Künstler in den sozialen Medien abseits der Musik, die sie produzieren, die beständigen Blicke hinter die Kulissen gelten eben nicht nur für die Fassaden der Musik, sondern bieten auch die Möglichkeit, den Künstlern selbst tiefer in die Karten blicken als zu den Zeiten der Rolling Stones. Dass Vergewaltigung und sexuelle Übergriffigkeit absolut verwerflich sind und dass Opfer solcher Vergehen sich auch nach Jahren zu Wort melden ist eine gute Sache. Die Beweislast ist aber eine andere Frage. „In dubio pro reo“ soll Unschuldige vor Hexenjagden schützen, doch ebenjene ermöglicht das Internet genauso wie das Aufdecken solcher Schandtaten. Und es ermöglicht eben auch eine dezidiertere Trennung von Künstler und Kunst. Aber nur weil sie möglich ist, muss man sie nicht vornehmen. Dort, wo aber eben das passiert, spielen einerseits Bequemlichkeit und andererseits Selbstschutz mit Sicherheit eine große Rolle. Es gibt jedoch niemanden der einem die Entscheidung abnimmt und ruft „ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht! Eins, zwei oder drei?“ Du musst für dich entscheiden, ob du Gefahr laufen willst, einen Giganten menschlicher Widerwart zu huldigen. Du musst für dich wissen, ob du Maynard James Keenan oder Michael Jackson zu deiner Lieblingsmusik zählen willst. Du musst dich damit abfinden, dass Louis C.K.s Witz demselben Hirn entspringt wie der Wunsch und der Handlungsplan, vor abgeneigten Frauen zu masturbieren. Nur du und ich können das für uns selbst entscheiden. No kings but us.