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Mein Lieblingssong zum Thema „Guilty Pleasures“

Di, 21.05.2019 - 12:53
Einmal monatlich stellen wir unsere Lieblingssongs zu einem bestimmten Thema zusammen. Das heutige Motto lautet: "Guilty Pleasures".

Man möchte sie im Dunkeln halten. Ganz diskret im heimischen Hobbykeller. Hinter verschlossenen Fenstern. Ohne störende Gesellschaft. Erst auf diese Weise entwickeln sie ihren vollen Reiz. Die Rede ist von sogenannten „Guilty Pleasures“. Ihr generelles Ansehen manövriert haarscharf um den Nullpunkt, sie zu zelebrieren grenzt an den geistig-moralischen Bankrott. Trotz oder gerade wegen dieses Verpönens widmen wir uns in der aktuellen Ausgabe von „Mein Lieblingssong“ den musikalischen Abgründen unserer Redaktion. Modern Talking, DJ Bobo oder gar noch obszönerer Stoff? Immer her damit.

Dem Dasein als Guilty Pleasure geht wahlweise eine öffentlichkeitswirksame Nerven(über-)strapazierung („Tage wie diese“, irgendjemand?) oder ein von vornherein fragwürdiger Ruf (Castingprodukte) voraus. In jedem Fall bedarf es einer großen Bühne, um ein Mindestmaß an Konfliktpotential auslösen zu können. „Santiano“ meistern diese Disziplin seit jeher mit Bravour. Aus Zufall auf dem Wacken Open Air entdeckt, avancierten die Nordmänner zu einem düsteren Geheimnis meiner Gute-Laune-Playlists. Speziell „Seine Heimat war die See“ dreht nicht erst seit gestern seine Runden über den virtuellen Plattenteller. Die Rezeptur aus gesellschaftsfähigen Refrains, maritimem Pathos und Shantychören hat innerhalb kürzester Zeit einen Kaufrausch im deutschsprachigen Musikmarkt ausgelöst. Dem Vorprogramm von Helene Fischer und Konsorten ist man längst entwachsen, meiner Favoritenliste hingegen noch lange nicht. Passt hervorragend zu norddeutschem Schietwetter und einem Kännchen Ostfriesentee.

Weitere Anspieltipps: Adel Tawil - „Eine Welt eine Heimat“, Genetikk feat. Sido - „Liebs oder lass es“
 

Manchmal frage ich mich, warum wir Songs überhaupt als „schuldige Freuden“ empfinden sollen. Mein Grundsatz der Musikkritik ist eigentlich, dass es so etwas wie eine objektive Wertung per se nicht geben kann – demzufolge könnte mir auch niemand verbieten, das neue Helene-Fischer-Album toll zu finden. Das Problem ist deswegen wohl eher, dass ich mir meinen Gefallen an einigen Songs einfach nicht erklären kann und dass diese obendrein noch von einer breiten Gesellschaft von mir respektierter Musik-Nerds prinzipiell verachtet werden. So geht es mir auch mit der ersten Solo-Single des ehemaligen One-Direction-Sternchens Zayn. Ich habe durch die Torturen meiner ehemals pubertierenden jüngeren Schwester wirklich die ganze Palette an Grässlichkeiten dieser Boygroup durchmachen müssen. Kleine Lichtblicke wie „Little Things“, das ich eigentlich als ganz okayen Pop-Song einstufen würde, wurden mir dadurch zunichte gemacht, dass mich meine Schwester von nebenan mit einer martialischen Dauerrotation dieses Songs peinigte (ihre iTunes-Statistik verzeichnet allein bei diesem Track eine vierstellige Play-Zahl!). Insofern habe ich nicht den Hauch einer Ahnung, wie ich Sympathie für einen 08/15-Electropop-Sex-Song wie „Pillowtalk“ empfinden kann. Aber ich kann kaum verneinen, dass mich die Höhen des flirrenden Refrains immer wieder in euphorische Pathetik versetzen.

Weitere Anspieltipps: Cro – „Bye Bye“, Roland Kaiser – „Sieben Fässer Wein“
 

In den Augen derer, die mich besser kennen, fallen wohl einige meiner geheimen musikalischen Vorlieben in diese Kategorie. Beispielsweise meine steigende Begeisterung zum Jazz und zu Heroen wie Miles Davis, Billie Holiday, Dexter Gordon oder natürlich John Coltrane. Auch Rap der eher primitiveren Sorte, beispielsweise vom Footballspieler Le‘Veon Bell findet den Weg in meine Playlists. Doch wenn ich mich auf einen Künstler der Kategorie „peinlicher Liebling“ festlegen muss, dann kann es für mich nur einen geben. Captain James Hillier Blount, kurz James Blunt. Allein seine selbstironische, humorvolle Art kann man einfach nur lieben. Und auch wenn man seine Musik nicht mag, ihn kann man kaum nicht mögen. Und zweimal durfte ich den geliebten Barden auch schon live genießen, jedes Mal eine absolute Wucht! Auf jeder seiner Veröffentlichungen gibt es Minimum einen Song, bei dem ich dahinschmelzen kann. Auf „Back To Bedlam“, „Moon Landing“ und „The Afterlove“ waren es glatt so viele, dass mir das Auswahlverfahren hier brutal schwerfällt. In der letzten Wahl sind dann „Bonfire Heart“, „Someone Singing Along“ und „Time Of Our Lives“. Am Ende siegt letzteres, da mir diese plakative Romantik ein jedes Mal wieder Gänsehaut und Tränen in den Augen bereitet.

Weitere Anspieltipps: Miles Davis – „Something I Dreamed Last Night“, Le‘Veon Bell – „Target“