Joes Nagelstudio: "Closure" - 300 Shows und keine Toten

Live-DVDs oder -Blu-Rays sind eine schöne Sache. Man kann sich einen Konzertabend auf der heimischen Couch genehmigen, ohne eine Hose tragen zu müssen. Ich habe bereits über „And All That Could Have Been - Live.“ geschrieben, aber es gab noch einen Tourfilm davor und der bleibt unerreicht.
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1997 erschien „Closure“. Eine Doppel-VHS mit allem, was ein Nine-Inch-Nails-Fan brauchte. Die zweite Videokassette bot alle erschienenen Musikvideos der Band, ohne dass man das Modem zum Glühen bringen musste oder bei MTV darauf warten musste, was bei einigen Videos aufgrund der Bilder nie der Fall war.

Entscheidend ist allerdings die erste Kassette.

[Disclaimer: Da Nine Inch Nails die ganze erste Kassette bei Vimeo hochgeladen haben, verzichte ich natürlich darauf, unerlaubt hochgeladene Videos von YouTube zu nutzen. Wenn ich Szenen erwähne, schreib ich die Zeit daneben und ihr könnt diese dann einfach so anschauen. Kleine Warnung noch: Marilyn Manson taucht ab und an auf.]

Eine Mischung aus Live-Videos und Backstage-Aufnahmen der Self-Destruct-Tour bildet hier etwas, was ich seitdem nicht mehr gesehen habe.

Ja, es gibt bei Live-DVDs ab und an etwas Backstage-Material, wie beispielsweise bei „Anywhere But Home“ von Evanescence, aber bei „Closure“ fließt es ineinander über. Gerade noch wird gezeigt, wie Trent Reznor mit einer Schneidemaschine die Haarpracht von Robin Finck entfernt und dann startet „March Of The Pigs“. Das Chaos dieser Tour ist beinahe spürbar. [Minute: 25:20]

Immer wieder gibt es Szenen, die zum Lachen anregen, weil es teils absolut surreal und andererseits wunderschön extrem ist. Mal ist Reznor zu sehen, wie er in einem Hotelzimmer an neuen Songs bastelt [Minute 51:37] und dann wird gezeigt, wie die Band sich für Auftritte schminkt und mit Mehl oder Maisstärke verschönert [Minute: 10:59] und irgendwann wird auch mal ein Backstagebereich zerlegt [Minute 41:40].

Hin und wieder wird es aber auch ruhig und nachdenklich und die Bilder zeigen den Touralltag in all seiner auszehrenden Brutalität. Natürlich stets passend musikalisch untermalt, werden trostlose Landschaften und ein müder Trent Reznor gezeigt, dem anzusehen ist, wie wenig Freude die Zeit zwischen den Konzerten manchmal macht. [Minute: 30:10]

Die Liveaufnahmen zeigen sehr gut, welche Energie und welches Chaos damals Teil einer Nine-Inch-Nails-Show waren. Die Band hat sich nicht selten verletzt und ohne Rücksicht auf Verluste wurden Instrumente und Bandmitglieder gleichermaßen misshandelt. [Minute 21:30 und 43:12 und Minute 50:00] Die Soundqualität ist nicht immer auf dem Level, den ein Livealbum haben würde, aber es ist eben auch eine Tour-Dokumentation und so haben die grobkörnigen Aufnahmen einen ganz eigenen Charme.

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei "Closure" um eine Doppel-VHS. Ein DVD-Release wurde mal angekündigt, erschien aber nie offiziell, sodass sich in meinem Regal eine russisches Bootleg-Version befindet. Diese beruht auf den Dateien, die Reznor selbst bei Torrent hochgeladen hat. Die DVD-Variante enthält noch ein paar kleine Extras, welche den Inhalt der ursprünglichen VHS-Kassetten etwas erweitern. Herr Reznor war so nett, dies auch bei Vimeo zur Verfügung zu stellen, sodass ich es euch nicht vorenthalten möchte.

 

Wer Richard Patrick mag, der später Filter gründen sollte, dürfte vor allem an diesen Aufnahmen Interesse haben. Auch hier gibt es wieder die Mischung aus Backstage-Aufnahmen und Live-Mitschnitten, dieses Mal allerdings aus den Anfangstagen der Band, während in dem zweiten Video weiteres Material der Self-Destruct-Tour, Aufnahmen des legendären Woodstock-Auftritts und Behind The Scenes-Material zu sehen sind. So wird beispielsweise der Dreh zum Video für "The Perfect Drug" gezeigt.

Das Material fügt sich gut ein und bietet vor allem Fans tolle Einblicke. Unabhängig von "Closure" gibt es auf dem Vimeo-Kanal der Band auch andere Videos, wie beispielsweise das Making Of zu "Closer" für interessierte Fans, aber das nur am Rande.

Was kann ich noch zu "Closure" sagen?

Es ist in seiner Form einzigartig. Nie wieder habe ich eine solch wunderschöne Mischung aus Live-Mitschnitten und Backstage-Aufnahmen dieser Art gefunden. Es ist roh, brutal, witzig, traurig und all das, wofür Nine Inch Nails damals stand, aber eben auch ein bisschen wie ein altes Familienvideo. Heutzutage würde ein Nine-Inch-Nails-Tourfilm oder eine Tourdoku völlig anders aussehen. Vermutlich zerlegt Reznor keine Backstageräume mehr und mit Mehl bewirft sich die Band schon lange nicht mehr. "Closure" ist ein Zeitzeuge und ein kleiner Dolch in meinem Herzen, weil ich diese Zeit nicht miterleben konnte - erstens, weil ich noch in der Grundschule war und zweitens, weil ich Nine Inch Nails damals noch nicht kannte. Aber es bietet die Möglichkeit in eine Welt einzutauchen, die an Wut, Chaos und Spaß kaum zu übertreffen ist.

Natürlich gibt es tolle Konzertfilme und bestimmt auch irgendwelche Bands, die noch Backstagematerial mitliefern, wobei es heutzutage vermutlich einfach bei YouTube, Instagram oder Tik Tok landet. Aber in einer Zeit, in der Mobiltelefone noch keine Kameras hatten, muss man den Aufwand auch zu schätzen wissen, dass eine Tour ständig von Handkameras begleitet wurde und mir als Fan die Chance gibt dabei zu sein, wenn Reznor mit seinem Hund spielt [Minute 10:30] oder seine Bandmitglieder verletzt [Minute 50:00], nur um danach einen Interviewausschnitt zu sehen, welcher mein Lieblingszitat enthält:

"300 shows...I think we're doing OK. No deaths yet." (wirklich ein wenig überraschend)

Bei "Closure" kann sich ein Fan als Teil der Crew oder Band fühlen. Überall dabei sein und eben nicht nur das eingespielte Konzert erleben, sondern auch die kleinen Details und grandiosen Momente. Ob das damals wünschenswert war, sei dahingestellt. Vielleicht wäre man der arme Trottel gewesen, der das Keyboard wieder zusammenkleben muss, nachdem Reznor und seine Bandkollegen es im Wahn zerstört haben [Minute 43:23], aber ich persönlich hätte es gerne erlebt. 

Ich kann nur empfehlen sich die Zeit zu nehmen und sich das Video komplett anzusehen. Es mag grobkörnig und soundtechnisch nicht das Beste sein, was ihr je gesehen habt, aber es ist vermutlich der persönlichste Tourdokufilm, den es gibt .