Van Holzen: „Kunst entsteht überall dort, wo es Reibung gibt.“

Van Holzen waren noch nicht einmal ganz erwachsen, da waren sie schon eine der vieldiskutiertesten Rockbands in Deutschland. Ihr Zweitling „Regen“ hat die große Aufgabe, das Trio als gereifte Gruppe zu präsentieren – und tut das mit viel resignierender Selbstreflektion.
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Das Wetter ist am heutigen Tag eigentlich viel zu schön, um den Nachmittag nicht draußen zu verbringen, trotzdem ruft Van-Holzen-Frontmann Florian Kiesling aus einem Hotelzimmer in Berlin an. Es ist das letzte in einer langen Reihe von Interviews, die Florian anlässlich der zweiten Platte seiner Band gibt und die ihn davon abhalten, an die frische Luft zu gehen. Wer möchte, der könnte die Umstände dieses Gesprächs also durchaus als symbolisch für das ungewöhnliche Leben betrachten, das Van Holzen in noch immer so jungen Jahren führen. Statt Auslandsjahr in Australien spielen sie Konzerte im ganzen Land, statt Hausarbeiten und Klausuren schreiben sie neue Songs, statt in Uni-Bibliotheken versinken sie im Proberaum. „Die erste Session für das neue Album war direkt nach unserem Abiball, da haben wir gleich sieben Songs geschrieben“, beschreibt Florian den Beginn der Arbeiten an der neuen Platte seiner Band. „Das waren echt die verrücktesten, die wir jemals geschrieben haben. Wir haben dadurch das ganze Feld ein wenig aufgelockert, das war sehr wichtig. Die Energie hat gestimmt, der Bock war da, Neues auszuprobieren.“

In der Tat spricht aus „Regen“ die Musik einer Band, die Angst hat, sich zu wiederholen. War das Debüt „Anomalie“ noch von martialischer Direktheit bestimmt, kristallisieren sich auf der neuen Platte differenziertere Klangarbeiten heraus. „Grundregel ist bei uns, nie zwei Mal Dasselbe zu machen“, beschreibt Florian den musikalischen Ansatzpunkt von „Regen“. „Bei ‚Anomalie‘ war das herausstechende Merkmal vor allem diese Garagenhärte, bei ‚Regen‘ sehe ich die zentralen Elemente eher in Melodien oder einer gewissen Traurigkeit.“ Zur Neufindung ihres Sounds lässt sich die Band dabei von Künstlern inspirieren, die eigentlich fernab ihres musikalischen Kosmos‘ liegen. Drummer Daniel Kotitschke ist begeistert von Vince Staples, Florian hört viel Musik von Unknown Mortal Orchestra oder den Pop-Avantgardisten Bilderbuch. Fundament der Vorbilder ist dabei gar nicht die musikalische Beschaffenheit selbst, sondern abstraktere Konzepte wie klangliche Eigenständigkeit oder die Vermittlung eines bestimmten Gefühls. „Ich habe in den letzten zwei Jahren nicht viel Rock gehört“, erzählt Florian.

Das Verstehen anderer Musik außerhalb des eigenen Tellerrands ist ein Zeichen von Van Holzens Emanzipation, die sich in „Regen“ aber vor allem in den lyrischen Komponenten zeigt. „Mit 16 oder 17 macht man sich ja noch keine riesigen Gedanken, vor allem nicht zu weltpolitischen Themen“, reflektiert Florian so auch die Vorgänge auf „Anomalie“. „Wir waren auch schon damals gegen etwas, wir fanden gewisse Einstellungen schon immer scheiße. Aber gerade so ab 18 fängt man ja eigentlich erst an, eine eigene Haltung zu entwickeln und das auch in Songs nach außen zu tragen.“ Diese Reifung zeichnet sich in „Regen“ nicht nur durch eine deutliche Politisierung ab, sondern vor allem in der Verarbeitung persönlicher Schicksalsschläge und innerer Konflikte. „Bei ‚Anomalie‘ habe ich immer gegen etwas getextet. Wenn es jetzt aber darum geht, den Tod eines Familienmitglieds zu verarbeiten und man sich traut, so etwas mal zu versuchen, dann ist das schon etwas ganz Anderes. Diese Art der Texte musste ich wirklich üben. Es ist schwierig, sich angemessen mit sich selbst zu beschäftigen.“

Konfliktpotential bot das Leben des Trios trotz – oder gerade wegen – seines steilen Karrierestarts reichlich. Dass Van Holzen nach ihrem Abitur einen Pfad mit derart viel Widerstand wählten, hat im Umgang mit dem Umfeld der Band Spuren hinterlassen. „Der Weg, den wir nach dem Abitur eingeschlagen haben, ist gerade für unsere ländliche Heimat so untypisch“, beschreibt Florian den Weg zur Entscheidung, Van Holzen als Vollzeitprojekt fortzuführen. „Normalerweise gehst du da studieren oder direkt per Ausbildung zu Daimler in die Firma. Wir haben uns einfach gefragt, ob dieser Weg uns glücklich machen würde, aber auch, ob unsere Freunde oder unser Umfeld damit glücklich wären. Damit haben wir in den letzten Jahren gerungen. Wir mussten uns da wirklich durchsetzen, auch gegen uns selbst.“ Gerade die Selbstzweifel an dem eigenen Weg klingen in „Regen“ überdeutlich hervor. „Alle meine Freunde“, als Opener und Leadsingle maßgeblich für den Tonus der Platte, spricht mit bedrückender Wucht von den Irrungen der Generation Y, die vor lauter Erfolgsdruck und Optionen in Selbstfindungsdepressionen versinkt. „Wir haben uns eine Zeit lang auch Sorgen um unsere Karriere gemacht. Ich glaube aber auch daran, dass etwas funktioniert, wenn man es ganz fest will“, berichtet Florian von einem neu gewonnenen Optimismus, der sich erst mit der Zeit einstellen musste. „Ich hätte wohl eher Angst, wenn ich feststellen würde, dass ich nicht mehr hinter dem stehe, was ich tue. Dann würde ich wohl aufhören. Deswegen spielt es auch keine Rolle, wie lange Warner jetzt noch mit uns zusammenarbeiten möchte. Ich glaube, dass ehrlich gemachte Musik irgendwie zu jemandem vordringen wird.“

Tatsächlich steht diese erste Single wie ein Symbolbild für die Transformation, die Van Holzen auf ihrem Zweitling durchmachen. Die betont gekünstelte Weltherrschafts-Arroganz der ersten Platte ist verschwunden, stattdessen präsentiert sich die Band angstvoll, demütig, gezeichnet von den Aufregungen der letzten Jahre. „Bei ‚Alle meine Freunde‘ war ich mir sicher, dass das viele Menschen mit mir teilen würden“, erklärt Florian und liefert damit auch den Grund, warum gerade dieser Song wie eine Gallionsfigur den Release des Albums angeführt hat. „Das habe ich auch gemerkt, als ich in meinem Freundeskreis darüber geredet habe und dieses Thema aufkam. Ich wusste, dass das ein wenig greifbarer ist, als wenn ich wie in ‚Royal‘ einfach sage: ‚Du fehlst mir.‘ Da geht es natürlich nur um mich.“ Das Resultat solcher komplizierten Episoden ist auf „Regen“ ein tragendes Grundkonzept, ein Fundament, das eine Weiterentwicklung verlangt. „Wir fanden Regen ein schönes, zusammenfassendes Symbol für die letzten Jahre“, meint Florian. „Regen trifft ja nie nur einen allein, sondern immer alle zusammen. Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, dass wir so ein starkes Umfeld haben und auch wir drei so füreinander da sind, dass uns der Regen immer zu dritt berührt. Wir stehen alles gemeinsam durch.“

Während Florian so über seine Kunst spricht, fällt auf, dass die pragmatischen Themen immer stärker einer philosophisch-ästhetischen Diskussion weichen. Regelmäßig reflektiert er, welchen Sinn seine lyrischen Arbeiten erfüllen und wen sie erreichen sollen – ein Faktum, das bei dem sehr gekünstelten „Anomalie“ noch eine deutlich untergeordnete Rolle gespielt hatte. „Am Anfang waren all diese Texte nur etwas, was mir selbst helfen sollte“, denkt Florian nach. „Wenn es jetzt aber daran geht, eine Platte zu veröffentlichen, fragt man sich natürlich schon, für wen man das macht. Ich würde kein Album an die Öffentlichkeit bringen, wenn es nicht auch für die anderen Menschen da draußen wäre. Das höchste Ziel ist dann natürlich, dass jemand darin etwas für sich finden und mitnehmen kann.“ Insofern läuft im Leben von Van Holzen alles richtig, weil eben nicht alles richtig läuft. Dass die junge Band auf dem steinigen Weg ihres komplizierten Traums viele Steine im Weg liegen, ist nicht nur die notwendige Hürde auf dem Weg zur eigenen Emanzipation, sondern auch die Grundsubstanz, die „Regen“ zu einem fortgeschrittenen, erwachseneren Album macht. „Ich glaube, dass Kunst überall dort entstehen kann, wo es Reibung gibt“, resümiert Florian. „Ich wüsste auch gar nicht, worüber ich texten sollte, wenn ich solche Probleme nicht hätte.“